Thomas Lipski „Die Konzertsaalorgel in Deutschland – von den Anfängen im 19.Jahrhundert bis in den II.Weltkrieg“ ISBN-13-978-3-928243-33-9
und als Ebook ISBN-13-978-3-928243-34-6 (kann geordert werden bei www.vpe-web.de ) — ein großer Wurf, ein gutes Buch, ein wichtiges Buch. Warum?
Man könnte meinen, dass dieses Buch zur richtigen Zeit erscheint. Zu einer Zeit in der man sich anschickt, die Orgel wieder einmal aus der säkularen Perspektive sehen zu wollen- um so wenigsten die Orgel vor den Flutungen der Kirche zu retten. Wie einst symbolisch die Titanic-Orgel gerettet werden sollte, weil der Orgelbauer andere Probleme hatte, als eine Schiffsreise nach Neu-York.
Aber lassen wir diese Diskussion. Denn Reden über Orgel wird auch in Zukunft und vielleicht auch in hundert Jahren ein Reden sein über die Orgeln des 17. bis 19. Jahrhundert.
Wobei uns nun Thomas Lipski vielleicht die Tür aufgemacht hat, auch Orgeln zu sehen und zur Kenntnis zu nehmen, die ohne dieses Buch unseren Blickwinkel nicht mehr erreicht hätten.
Ich weiß nicht, ob in einer postindustriellen Zeit überhaupt noch das Interesse für solcherlei pluralistische Ausformungen der Orgelvielfalt erhalten bleiben wird, oder ob es wie in manchen Orgelkonzerten zugeht, wo sieben wackere Orgelklangfetischisten das Fähnlein der Getreuen halten.
Aber sicher weiß ich, dass bis dato kaum ein Orgelbuch erschienen ist, das in derartig guter Aufmachung, in solch grundsolider Recherche und dazu noch eines der spannendsten Kapitel der deutschen Orgelgeschichte sachgerecht serviert. Dabei wird auch verstanden die Spannung wie in einem Kriminalroman bis ans Ende aufrecht zu erhalten.
Ganz großen Dank an Thomas Lispki für diese mühselige Kleinarbeit, die wieder einmal zeigt, was gute Musikwissenschaftler zu leisten in der Lage sind.
Es war mir eine unheimliche Freude, im Laufe der letzte vier oder fünf Jahre ab und zu mit Thomas Lispki über dieses Buchprojekt telefonieren zu können, weil das Thema mich immer schon interessiert hatte.
Auch später deshalb, weil wir mit unseren Orgeltätigkeiten einen gewissen Höhepunkt nach dem Untergang des Hauses Walcker im Jahre 1999 in der Restaurierung der Walcker-Konzertsaal-Orgel in Bukarest hatten, was übrigens zur Folge hatte, dass wir heute an der Konzertsaalorgel in Rom, Santa Cecilia tätig sein dürfen, dieleider nur noch das Gehäuse von Walcker hat, dafür aber einer ganz eigenwilligen Ideedes großen Lehrers und Orgelspielers Fernando Germani in Sachen „Neobarockorgel“ folgt.
Für alle Fachleute, die das alles weniger interessieren wird, sei gesagt, dass in diesem Buch rund achtzig Orgeln besprochen werden und in System und Disposition beschrieben sind.
Das Buch hat insgesamt 437 Seiten. Es beginnt im I.Teil mit Historischen Aspekten (in England, Frankreich, die Reformbewegungen im 20Jh., Konzert - und Saalorgel des Dritten Reichs). Im II. Teil werden besprochen, die Akustik der Konzertsäle, Prospektgestaltungen und Positionierungen im Konzertsaal, es werden alle technischen Windladensysteme erläutert. Dazu kommen Erklärungen zu Spieltischeinrichtungen, Windversorgung, pneumatische Balanciers und elektrische Trakturen. Auf über 25 Seiten wird sehr dezidiert auf die klanglichen Innovationen eingegangen.
Hier ist sehr interessant die Erläuterung des dynamischen Dispositionsprinzips und leider etwas zu wenig, die Bedeutung der Mensuren. (würde aber den Rahmen des Buches sicher sprengen).
Der wichtigste und bedeutendste Teil ist natürlich der III. Teil, die Dokumentation der verschiedenen einzelnen Orgeln.
Das ist auch sehr gut mit den schwarz-weißen Fotos gelungen, die gut ins Buch integriert wurden.
Nach meiner Zählweise sind es 75 Orgeln bis 1945, dann werden noch die historischen und neugestalteten Orgeln in Wien Musikverein, Wien Konzerthaus, Salzburg Mozarteum und Zürich Tonhalle sehr gut mit Dispositionen erwähnt.
Ich denke, dass man die ersten beiden Teile des Buches mit größter Freude und erheblichem Gewinn rasch durchlesen wird und das der III.Teil für viele Leser seine Spezialitäten haben wird, die man einfach wissen will. Dann aber steht das Buch als gutes Nachschlagewerk im Regal, das bei vielen Fragen umfangreiche und genaue Antworten weiß.
Ohne dieses Standardwerk kommt man heute, selbst als sprachlich versierter Internetuser, kaum in den Genuss den angloamerikanischen Orgelbau richtig und grundsätzlich verstehen zu können.Von Hielscher werden (alle) wichtigen Orgeln mit Dispositionen erläutert. Neben geschichtlicher Entwicklung zeigt er Besonderheiten des us-amerikanischen Orgelbaus. Und er beschreibt die ganz wichtigen Instrumente detailliert. Natürlich sind allen Orgeln die Dispositionen beigeheftet. Ich habe alle die bei ihm aufgeführten Orgeln hier listenmässig in den Blog aufgeführt, so dass jeder der diesen Blog ausdruckt ein übersichtliches Dokument über den nordamerikanischen Orgelbau in der Hand hat.
Buchtitel und Data: Hans Uwe Hielscher, Berühmte Orgeln der USA, 2.Auflage 2002, Verlag Christoph Dohr, ISBN 3925366911
Einflüsse auf den us-amerikanischen Orgelbau:
Europäische Romantizismen, englische Kathedraltraditionen, das farbige symphonische Konzept Cavaillé-Colls und französischer Komponisten, Orchestertranskriptionen und Theaterorgeln haben allesamt Einfluss auf den amerikanischen Orgelbau des 19.Jahrhunderts. Die älteren Firmen wie Hook & Hastings, Hutchings, Roosevelt, Pilcher, Estex, Kimball, Hall, Möller, Skinner, Austin oder Wurlitzer antworten auf die Nachfrage der neuen amerikanischen Orgel von der Jahrundertwende an. Aber es ist wichtig festzuhalten, dass der Begriff „amerikanischer Orgelbau“ bis zum Ende des 19.Jahrhunderts für mechanische Orgeln steht. Zwar verrsuchen sich Orgelbauer wie Hutchings, Möller, Hook & Hastings, Estex und Pilcher schon früh an Röhrenpneumatik, aber badl folgt man den Pionierarbeiten der Roosvelts auf dem Weg in die elektropneumatische Traktur, mit der die Mehrzahl nach 1900 erbauten größeren Orgeln Amerikas ausgestattet wird.
Die USA-Begeisterung des Hans-Uwe Hielscher ist also nicht zu überhören. Wenngleich es vielleicht angemessen wäre, die USA heutzutage nicht unbedingt mit ganz Amerika gleichzusetzen.
Dass auch in den Staaten sich zunächst Pneumatik und dann Elektropneumatik ihre technischen Wege bahnten, ist nicht verwunderlich. Es mutet eher seltsam an. die begeisterte Aufnahme heutzutage der „Elektrizität“ die nicht nur bei den ersten Orgeln (von etwa 1900 bis zum ersten Weltkrieg) ihre besonderen Heimtücken erst im laufe der Zeit offenbarten, als verschmorte Kontakte und die Empfindlichkeit der Reisserschen Solenoidmagneten langsam ins Bewusstsein drangen. Oft wurden zu dieser Zeit , in den USA wie auch in Europa, komplette Kontaktarmaturen größerer Orgel beinahe jährlich ausgetauscht, was man schon als Fortschritt empfand gegenüber den ersten „elektrischen“ (Weigle-Orgel 1872 während der Weltausstellung) bei denen das pro Konzert gehandhabt wurde.
Insofern schließe ich mich Hielscher überhaupt nicht an in der Auffassung, dass elektrische Systeme vor dem Ersten Weltkrieg besondere Vorteile hatten gegenüber anderen Techniken.
Geschichte des amerikanischen Orgelbaus
Beeinflusst durch die neue Walcker-Orgel der Boston Music Hall (1863), werden die Dispositionen in größeren Instrumenten durch neue Register erweitert, besonders bei Hook & Hastings, Hohnson, Hurchings oder Roosevelt. Im Gret kommen weitere Mixturen und Aliquote hinzu, und schon um 1875 sind komplette Zungenchöre zu 16’ 8’ und 4’ im Great und Swell keine Seltenheit. Das Choir steht erst ab ca. 1890 im Schwellwerk. Hier sind oft zwei Diapason 8’ ( Geigen und English) disponiert sowie Gedackte und oder Flöten der 8’ Lagen und verschiedene Formen der 4’- und 2’ Lage. Das Pedal in größeren Orgeln wird um labiale 8’ , 4’ und Cornet-Mixturen erweitert. Ab ca. 1900 werden erstmals elektrische Gebläsemotoren eingebaut. In der Intonation legt man Wert auf einen durchsichtigen Prinzipalchor von mittleren Mensuren. Die Trompeten klingen rauh., Oboen und Klarinetten sind die einzigen ergänzenden Zungen, die Vos humana wird Ende des Jahrhunderts eingeführt.
1905-1914 steigt die Zahl der Immigranten jährlich auf über eine Million (…) vor allem aus Russland, Italien, Österreich (..)
Zu den europäischen Musikern die im ersten Viertel des Jahrhundert nach USA reisen sind A. Guilmant, J.Bonnet, L, Vierne, M. Dupré, lässt außer Acht, dass Karg-Ehlert u.a. deutsche Organisten dorthin reisen
Neue Firmen erobern den Markt (Möller, Austin, Skinner)(..) Wurlitzer Kinoorgel
Rückbesinnung auf den klassischen Orgelbau (Holtkamp, Harrison später Fisk, Andover, Noack, Schantz, Möller, Austin, Wicks, Fritts)
In heutigen Tagen sind viele Orgeln mit elektronischen Zusatzregister (Allen)
Die Orgelbauer des 19. und 20. Jahrhunderts
Darstellung der einzelnen Firmen mit Gründungsjahr, wobei der Schwerpunkt auf Darstellung von Skinner liegt.
Goodrich 1805,
Pilcher & Sons 1820,
Henry Erben 1822,
Hook & Hastings 1827,
Richard M.Ferris 1840,
Johnson & Son,
Simmons 1845,
Estex Organ Comp. 1846,
Jardine 1850,
Kilgen & Sons 1851,
Odell 1859,
Pfeffer 1859,
Midmer-Losh 1860,
Steere & Turner 1867,
Hilborne und Roosevelt 1872,
Schantz 1873,
Hutchings & Votey 1875,
Möller 1875,
Schoenstein 1877,
Casavant 1879,
Farrand & Votey 1890,
Kimbal 1890,
Murray M. Harris 1895,
Austin 1899,
Aeolian 1900,
Skinner 1901,
Hope-Jones 1907,
Wicks 1908,
Reuter 1917,
Aeolian-Skinner 1931,
Holtkamp 1931,
Schlicker 1932,
Andover 1948
Noack 1960
Fisk 1961
Orgelstadt Boston
So wurde die Ankunft der Walcker-Orgel in Boston weithin als Beginn einer neuen Ära in der amerikanischen Orgelwelt gesehen. (..)
In den folgenden 21 Jahren fanden wöchentliche Orgelkonzert an der neuen Walcker-orgel in der music Hall statt, die Dudley Buck zusammen mit seinen Kollegen aus Boston hier vor einem außerordentlich großem Publikum gab. (…) Standartrepertoire von Bach und Mendelssohn über Rinck, Lemmens, Thiele, Lefébure und vor allem Transkriptionen, gelegentlich auch Improvisationen. Auch virtuose Konzertstücke amerikanischer Komponisten fehlten nicht. (..) sie dienten vor allem dazu, die Effekt- und Perkussionsregister der Orgel vorzustellen, mit dem mächtigen Tutti die Wände erzittern zu lassen (..)
Weitere Orgeldarstellungen mit Dispositionen
Boston, Church of the Immaculate Conception (Hook 1863)
Boston, Cathedral of the Holy Cross (Hook & Hastings 1875 III/70 Reg.)
Boston, Trinity Church (Roosevelt, Skinner, Aeolian-Skinner)
Boston, Church of Convenant IV/64 (Welte-Tripp 1929)
Boston, Church of Advent (Aeolina-Skinner 1936 III/76 Reg)
Boston, Church of Christ (Aeolian-Skinner 1952 IV/153)
Boston, King’s Chapel (Fisk 1964 III/38 Reg.)
Boston, Music Hall (Walcker 1863 IV/88 Reg. – keine Transmissionen)
Methuen, Memorial Music Hall (Aeolian-Skinner 1947, IV 84 Reg. (max. 30%Walcker))
Worcester, Mechanics Hall, (Hook 1864 IV/52 Reg.)
Portland, City Hall (Austin 1912, 1927, IV86 Reg.)
New Haven, Trinity Episcopal Church, (Aeolian-Skinner 1935, III/67 Reg.)
New Haven, St. Mary´s (Hook 1871, III/45 Reg.)
New Haven, Yale University (Hutchings-Votey 1903, Steere 1915, Skinner 1928, IV/142)
New Haven, Yale University Chapel (Holtkamp 1951, III/54)
New Haven, Yale University Chapel (Beckerath 1971 III/39)
New York, Cathedral St. John (Skinner 1911, Aeol-Skinner 1954, IV/95)
New York City, St. Patrick’s Cathedral (Kilgen 1930, V/177 mit Trans)
New York City, St. Bartholomew’s (Skinner 1918, Aeol.-Skinner 1970-71, V/165)
New York City, St. Thomas (Skinner 1913, Aeoli.-Skinner 1956, V/117 mit Trans)
New York City, St. Thomas (Tayler & Body 1996, II/24)
New York City, Riverside (Aeoli.-Skinner 1955, V/146)
New York City, Loyola (Mander 1993, IV/68)
West Point (NY), US Milit.Chapel, (Möller 1911, IV/230)
Ocean Grove (NJ) Great Auditorium (Hope-Jones u.a. 1908, V/164 ranks)
Atlantic City (NJ) Convention Hall, (Midmer-Losh 1929-32, VII/314 Reg.)
Washington DC, National Cathedral (Skinner 1939, Aeol.-Skinner 1964, IV/127 Reg.)
Berichtet über seine Reise durch Deutschland, Schweiz, Frankreich etc. und ist ab 1859 beim Titzschen Orgel-und Harmoniumwerkstatt angestellt wo er sorgsame Beobachtungen einträgt. Man erfährt viel über die damalige Zeit und die Orgeln dieser Zeit. So zeigt ihm der Orgelbauer Haas seine Luzerner Orgel oder er schreibt über seine Intonationsarbeit an eigenen Instrumenten. Arbeitet bei Aristide Cavaillé-Coll und schreibt ganz nett von seinen Arbeiten dort. Das war 1864. Er macht ganz schöne Zeichnungen, die dem Tagebuch mit eingefügt sind und ist offensichtlich in den “gotischen” Stil verliebt. Das Buch hat rund 320 Seiten. Darunter solche Sätze: Der Patron Cavaillé-Coll, der soeben angekommen ist, nahm eine brennende Lampe zur Hand und sagte mir: “Suiver mois, S’il vous plais” und führte mich ins Innere der Orgel. (Trocadero). Oder zur Wiener Weltausstellung 1873: (..) Die Beste war die Salonorgel mit 15 Register von Walcker aus Ludwigsburg. (..) Und es gibt ein komplettes Werkverzeichnis Angsters. Quergelesen. (gwm) ISBN 3-926276-57-6
Falls Sie das im normalen Buchhandel nicht erhalten, können Sie es bei mir bestellen: gerhard@walcker.com
Rund 1300 Briefe von Hans Henny Jahnn sind in besagten zwei Bänden enthalten. Davon sprechen etwa 100 Briefe über den Umgang mit Walcker, was für uns hier von historischer Bedeutung sein könnte.
Beim Studium dieser Briefe darf man jedoch nicht Maßstäbe anlegen, wie sie unter normalen Menschen in ihrem Korrespondenzwesen wohl üblich sind. Denn der Egomane Jahnn hat damit alles andere als sachlich in Orgelfragen hineingeleuchtet. Wir finden unheimliche Überzeichnungen sobald er seine Person zu werten anschickt und wir finden völlige Verstellungen, wenn andere in Position gebracht werden sollen, die womöglich gegenteiliger Ansicht sind. Diese Verzeichnungen sind im Briefwerk von Hans Henny Jahnn, der ganz hervorragende Briefe schreiben konnte, in so bedrückender Form enthalten (ich gelte als der größte Orgelkonstrukteur Europas.., wenigstens 3 Orgelfirmen von Weltruf haben mir dies zu verdanken), dass sie beinahe wie kabarettistische Einlagen wirken.
Der historische Wert dieser Briefe ist daher begrenzt. Man fühlt sich mangelnder Rechtschaffenheit ausgeliefert und glaubt am Ende nicht mehr alles.
Es gibt einen interessanten Beitrag im Spiegel-Archiv, der bei Herausgabe dieser Bände im Jahre 1994 im wesentlichen gut durchdachte Kritiken enthält. In einem Gemisch aus Erwähltheit und Ausgestoßenheit findet sich der gestrandete Wal Hans Henny Jahnn in der falschen Gesellschaft.
Hier ein paar Geschmacksproben, die bei Bedarf ergänzt werden.
aus BAND 2 Seite 1455 Namensregister
Walcker (Firma) 1006, 1089, 1090
Walcker-Mayer, WernerEhemann von Oscar Walckers Tochter Hilde. Nachfolger von O.Walcker in der Orgelbauanstalt E.F.Walcker & Cie. Der Briefwechsel beginnt mit Antritt der Geschäftsübernahme nach dem Tode von Oscar Walcker und wird unregelmäßig bis zu Jahnns Tod geführt 999(Ergänzung/ Berichtigung: Werner Walcker-Mayer war der Enkel von Oscar Walcker, Sohn von Hildegard Walcker-Mayer und Felix Mayer, gwm)
Walcker, Helene geb Bruhns in Odessa, Ehefrau von Oscar Walcker 637
Walcker, Oscar (1869-1948) Orgelbauer, Inhaber der Firma Walcker in Ludwigsburg. 1.Vorsitzender des Verbandes der Orgelbaumeister Deutschlands e.V. (1926) W. war Mitglied in der Ludwigsburger Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ im III.Grad (Aufnahme 1897). – Erste Jahnn-Begegnung fand anlässlich des Straube-Konzertes auf der Praetorius-Orgel 1922 in Freiburg statt. Der umfangreiche nahezu lückenlos in der SUB überlieferte Briefwechsel beginnt bereits im Mai 1922 mit einem Dankschreiben Walckers über die Zusendung des Aufsatzes „Die Orgel und die Mixtur ihres Klanges“. Intensivste Geschäfts-Korrespondenz in den Jahren der Zusammenarbeit von 1931 bis 1939; während des Krieges entsteht ein locker geführter Austausch über theoretisch-harmonikale Fragen; die einjährige Verspätung der im November 1942 begonnenen und im Dezember 1943 fortgesetzten Antwort Jahnns auf W.s Brief von 25.September 1942 wurde von Walcker, wie aus dessen Antwort vom 4.Januar 1944 ersichtlich, nicht bemerkt. (Br.Nr.828) – Intensivere geschäftliche Korrespondenzen wurden nach 1947 geführt.- Die 1909 bis 1912 von W. erbaute Orgel in der Michaelis Kirche in Hamburg gehörte zu Jahnns jugendlichen Musikerlebnissen, (Siehe Tagebucheintragungen 8.September 1913, Frühe Schriften I, S. 164)
- Oskalyd-Orgel im Palast-Kinotheater Kopenhagen 657
- Straßburger Orgel 751
Briefzitate
Brief 637
aus BAND 1 Seite 1077
26.09.1937
an Judith Kárász
(…) Bei Walcker bin ich herzlich empfangen worden. Darüber hinaus nichts. Der Doktor selbst ist älter und verächtlicher gegen die Zeit geworden, seine Frau hatte einen Autounfall, 4 Monate Krankenhaus. In den Tagen meines Besuches war sie zum ersten Mal wieder ausgegangen.
Die Geschäftslage ist schlecht; man versuchte es zu verbergen. Ein paar Auslandsaufträge nach dem Balkan, Australien, die Staatsaufträge halten den Betreib am Leben. Furtwängler und Hammer in Hannover haben die Zahlungen eingestellt. Es ist mir jedenfalls klar geworden, dass die Zukunft des deutschen Orgelbaus ungewiß geworden ist. Das unerträgliche Gedröhn der Siegesorgeln aus der Zeit nach 1871 deckt die Reformgedanken zu. Die Qualität erliegt den Notwendigkeiten. Sie gefriert gleichsam tief unter der Oberfläche; man spricht noch davon. Walcker sagte mir, alle Wissenschaftlichen Untersuchungen hätten mich glänzend gerechtfertigt; der Siegeszug der Schleiflade sei nicht aufzuhalten. Meine Materialtheorie werde auf den Prüfungsämtern als richtig befunden. Der gesamte Orgelbau wünsche sich, unter meinem Befehl zu stehen. Aber leider würde er von Männern kommandiert, die unerschrocken eine andere Meinung vom Geiste der Orgel hätten. Die Harmonik habe ausgespielt. Die Militärmusik werde auch den Klang der zukünftigen Orgel bestimmen. (…)
Anmerkungen von Gerhard Walcker-Mayer: Dieser Brief von Jahnn lässt mich an seiner Aufrichtigkeit zweifeln. Denn es kann nicht sein, dass Oscar Walcker der „Harmonik“ den Laufpass gegeben hat, wo er doch wenige Jahre später Briefe zu schreiben beginnt an Hans Kayser und dessen harmonikales System für Disponierung der Orgel für geeignet hält. Während doch Jahnn mit starken Zweifeln geplagt wird.
Ein Oscar Walcker, der im gleichen Jahr an Körtzinger( Brief vom 27.05.1937) schreibt: „(…) Es ist keine Frage, dass die Kunst und Kultur des 17. und 18.JH außerordentlich groß war, aber diese Zeiten sind uns fremd geworden, insbesondere fehlt uns doch im großen Ganzen die tiefe religiöse Einstellung, die in jener Zeit die Menschheit gehabt hat und der größte Fehler der deutschen Orgelbewegung scheint mir darin zu liegen, dass man das 19. Jahrhundert ausschalten möchte und alles was die Kunst und Musik damals gegeben hat, als romantisch und minderwertig ansieht. Und doch wurzelt unser Volk heute noch tief im 19.Jahrhundert. (…)“ Dieser Oscar Walcker soll also den Wunsch geäußert haben, Jahnn zum Befehlshaber des ganzen deutschen Orgelbaus zu haben. Völlig unglaubwürdig. Diese Unglaubwürdigkeit wird noch gesteigert dadurch, wenn man Äußerungen von Oscar Walcker zu der Person Hans Henny Jahnns hinzuzieht, die sich mehr und mehr verdunkeln zum Kriegsende hin.
Aus dieser Briefsammlung, die ich gerade begonnen habe, weiter zu studieren, werden hier bestimmt noch einige Beispiele gezeigt. Besonders dann, wenn diese Aufschluß geben können über wirklich interessante Orgeln aus diesen Zeiten, die überlebt haben.
Zur Orgelmusik Olivier Messiaens – Studien zur Orgelmusik Band 2 – Teil 1
„Ich bin gläubig geboren“ antwortet Olivier Messiaen, und damit entstehen für uns als Hörer die Probleme.
Olivier Messiaens Orgelmusik ist ohne weitere Erläuterung schwer verständlich. Kaum zugängig für unbedarfte Ohren. Ich rede hier nur als Hörer. Und ein bestimmter Hörer, der zwar Orgelmusik und vor allem Orgelklänge die in Orgelmusik verwandelt werden, geschult ist zu hören, und darin eigentlich sein wichtigstes Hörerlebnis bisher hatte.
Nun aber, nach abermaligen Hören von Olivier Messiaens Orgelmusik, blicke ich gespannt in diese dunkle Ecke der Kirche und bin erstarrt, schweigsam erschüttert, nach „Livre du Saint Sacrament“ – aber, und das ist hinzuzufügen, geschult durch eine Lektüre, die mir Hör-Richtung gab, nämlich oben besagter Band „Zur Orgelmusik Olivier Messiaens“ Teil 1 – Band 2, also um genau zu sein, es ist nur ein Buch aus den dreien, die ich alle vorzustellen gedenke.
Diese 3 Bände, die im Butz-Verlag im Jahre 2008 erschienen sind und die allesamt mit Beiträgen von Reimund Böhmig, Hermann J.Busch, Michael Heinermann, Burkhard Meischein, Paul Thissen und Lydia Weißgerber bestückt wurden, haben mich tief in die Orgelmusik Olivier Messiaens Einblick nehmen lassen. Für eine Wiederholung der Gedanken sind einige Notizen entstanden, die hier wiedergegeben werden.
Durch diese Vielfalt der Autoren wirdvorneweg ein sehr breites Spektrum an unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Phänomens „Olivier Messiaen“ gewährleistet.
Das Buch ist gut und leicht zu lesen. Weniger gut ist, dass die Verfasser der einzelnen Artikel streckenweise nicht leicht ausfindig zu machen sind – sie stehen nicht immer in der Überschrift. Mit etwas Übung erkennt man sie am Schreibstil.
Tradition und Meditation – Messiaens Wege zur Orgel. Burkhard Meischein berichtet vom historischen Weg Messiaens, auch seiner kulturellen Umgebung, leitet ab von Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ um auratisierende Strahlkraft, das das Kunstwerk in seiner Sonderstellung erhält, das entscheidende Wirkungskraft festhält, die das Bewusstsein öffnen lässt für das Transzendente, das Göttliche, für eine andere Welt.
Im September 1931 wurde Messiaen, unterstützt durch Empfehlungen Widors, Duprés, Tournemires und anderer zum Titularorganisten an der Kirche La Tinité ernannt – als 22jähriger ! – dort wo er jeden Sonntag drei Messen spielen sollte.
Es ist heute selten, von Seele zu reden, wir hören meist etwas von „Emotion“, das klingt anglo-wissenschaftlicher und man gibt keine „Religionszugehörigkeit“ preis.
Die Orgelmusik Messiaens gründet auf dem christlichen Glauben, und hier ist es Tradition, dass die Seele des Menschen weniger durch Verstandestätigkeit geformt und gebildet wird, als durch eine Art ganzheitlicher Seelenbildung, in der auch die Kunst elementaren Stellungswert bekommt.
Die Seele beurteilt moralisch, ethisch, religiöse Fragen aus dem seelischen Inneren heraus, hier hat die Kunst einen besonderen Platz.
In diesem Sinne ist jedes Kunstwerk sakral.
Auch der Gesang der Vögel kann religiös erfahren werden.
Méditations sur le mystére dee la Ainte Trinité: Schweigen, Entspannung, inneres Lauschen. Es gilt sich von der Welt, ihrem Druck und der von ihr ausgehenden Ablenkung zu befreien und sich in die Tiefe der Wahrheit zu versenken, spüren, was über das bloße Menschsein hinausgeht.
Messiaens Musik weist in diesem Sinne immer über sich hinaus.
Der Komponist als Theologe- zu Messiaens Musikotheologie von Michael Heinemann.
Zitiert eine Äußerung von Charles Tournemire „Alle Musik, die nicht auf der Verherrlichung Gottes basiert, ist unnütz“ – wobei noch der Hinweis erfolgen sollte: „aber Gott ist keine einfache Sache“. Vielleicht die wichtigste Voraussetzung für das Verständnis des geistigen Habitus von Olivier Messiaen ist die Kenntnis der Schriften von Ernest Hello (1828-1885) – eines Autors, der , nicht unbeeinflusst von Sören Kierkegaard ist.
Hierzu erfolgt ein wegweisendes Zitat aus Hello, Mensch und Mysterium:“Die Kunst ist der Ausdruck der Idee durch ein wahrnehmbares Zeichen. Sie findetaber ihren Ausdruck nur unter einer Bedingung, und diese ist die Bedingung der Liebe. Die Liebe ist das Leben der Kunst. Beinahe sind wir bei Albert Schweitzer gelandet.
Die Liebe ist eine reife, fallende Frucht. Aber was wollt ihr lieben, wenn ihr an nichts glaubt?
Das Mysterium entspricht einem der tiefsten Bedürfnisse der Natur des Menschen, dem Bedürfnis nach Anbetung. Der Mensch betet nicht an, was er völlig begreift.
Hellos Schriften scheinen Messiaens die Grundlagen seiner katholischen Ästhetik geliefert zu haben.
Weitere Schriften Romano Guardinis (Von heiligen Zeichen), Kempen (Nachfolge Christi), Balthasar (Herrlichkeit), Marmion (Christus, das Leben der Seele) werden genannt.
Vom Reiz der Unmöglichkeiten – Anmerkungen zu den Modi Messiaens, Beitrag von Lydia Weissgerber – die ich durch die Bank weg unverstanden hier stehen lassen muss und mich gleich zu den Werken weiter begebe.
La Banquet céleste – Das himmlische Gastmahl (Messiaens erstes, 1928 im Druck erschienenes Orgelwerk. ein sehr reizende, zartes, sanftes und frühlinghaftes Stück.. OM)
Apparation de lÈglise éternelle – Die Erscheinung der ewigen Kirche
Prélude – Präludium (wurde erst 1997 im Nachlass gefunden)
Offrande au Saint Sacrament (Weihegabe für das Heilige Sakrament)
Diptyque – (Diptychon) gilt als schwarzes Schaf unter den Orgelwerken Messiaens; als klassizistisch, gar rückwärtsgewandt und konventionell, gleichzeitig aber gilt es als am häufigsten gespielt. Entstanden vermutlich 1929
L’Ascension – (Die Himmelfahrt)
La Nativité du Seigneur – (Die Geburt des Herrn)
Les Corps glorieux – (Die verherrlichten Leiber)
Materialien:
Die Orgeln des jungen Messiaen (Busch)
Zur Frage der Registrierung Messiaenscher Orgelwerke (Böhmig)
Dichter, Orgelbauer, Phantast, Revolutionär - alles dies Attribute die dem unfassbaren Jahnn nur zeitweise und immer nur bedingt gerecht werden. Orgelbauer allerdings wollte er sein, musste er sein, bis zu seinem Ende in Armut, und vor allem in einem Zustande des Unverstandenseins. Als Orgelbauer wurde er bis heute am wenigsten anerkannt.
Nur eine einzige Schrift hat sich intensiv mit dem “Orgelbauer Hans Henny Jahnn” auseinandergesetzt, und das ist eines der spannendsten Orgelbücher überhaupt, die ich gelesen habe, nach ” Markus Zepf -Praetorius”, “Robert Schneider - Schlafes Bruder” nun also “Thomas Lipski - Hans Henny Jahnns Einfluß auf den Orgelbau”.
an diesen verschiedenen Leseproben, die zwei ersten weißen Seiten zeigen das Inhaltsverzeichnis, soll gezeigt werden mit welcher Detailfreude und Zitierlust, der Musikwissenschaftler Lipski hier gearbeitet hat. Es werden Hintergründe um “Reinoldi” ebenso gezeigt, wie das gesamte Orgelschaffen HHJ und seine entsprechenden Gedanken dazu. Endnote: absolut-ohnbedingt empfehlenswert.
Erst nach Lektüre dieses Buches leuchtet auf, warum uns in den nicht mehr vorhandenen Orgelwerken HHJahnn’s, Instrumente fehlen, die unwiederbringliche Zeitzeugen eines großartigen Künstlers waren, und die uns heute mit Sicherheit eine großartige Klangdimension offenbaren könnten, die wir so als rettungslos verloren sehen müssen.
Rüdiger Wagner - Hans Henny Jahnn - Der Revolutionär der Umkehr
Wagner beschreibt HHJ aus seinen großen mythischen Romanen “Fluß ohne Ufer” und “Perrudja”. Und er zeigt dessen Leben im Angesichte der Orgelbewegung, der Zeit-Umstände und dem Ende zu mit Zweifeln an der Harmonik. Hanns Henny Jahnn wird einem in diesem Buch am sympathischsten geschildert.
Das Entsetzen Jahnns vor bestimmten Methoden der Wissenschaften (siehe drittes Blatt - rot markiert- (…) was für tolle Barbaren sind wir!) erinnern mich sehr stark an Worte eines anderen Idealisten, die sonst kaum miteinander verglichen werden können, nämlich an Albert Schweitzer.
Die stark erotisch betonten Komponenten im Denken und Wirken Hans Henny Jahnns sparen beide genannten Autoren aus. Mit Sicherheit zu Recht, da in solche Dinge erfahrungsgemäß mehr hinein interpretiert wird, als tatsächlich darin enthalten war. Die nachfolgenden beiden Bücher touchieren das Thema leicht, und dann klingen manche Ideen des jungen Hans Henny Jahnn in heutiger Zeit überaus grotesk:
Fluß ohne Ufer - Schriftreihe der Hamburger Kulturstiftung, in diesem gut bebilderten, hervorragend gemachten Band, wird das Leben Hans Henny Jahnns sehr schön geschildert und mit vielen seiner wunderbaren Wortschöpfungen angereichert. Auch hier endigt der Band mit einer gewissen Auflösung des “harmonischen Weltbildes” und einem Brief Jahnns an Ludwig Voß, in dem der Glaube in Zweifel umschlägt. “Die Stille der Nacht war deutlicher denn je!” (FLuß ohne Ufer S. 372-374)
Hans Henny Jahnn - Ugrino - Die Geschichte einer Künstler - und Glaubensgemeinschaft, von Jochen Hengst und Heinrich Lewinski.
Dieser Band bereitete mir vor allem deswegen einen Genuss, weil hier teilweise die “Ugrino-Verfassung”, die Dogmen der Glaubensgemeinschaft, die etwa von 1919-1925 bestand, aufgeführt sind. Wer das zweite Blatt gelesen hat, versteht, um was es dort ging. “Frauen ist der Zugang zur Oberleitung versagt (ein grauenhaftes Wort, das später erläutert wird, es bedeutet das Triumvirat bestehend aus Hans Henny Jahnn, dem Bildhauer Franz Buse und F.Gottlieb Harms, welche die oberste Instanz der Ugrino-Gemeinschaft darstellen) Sie sind davon - auch als Freunde - ausgeschlossen, weil sie Kinder gebären können. § 18n.
Auch der ebenfalls unter “Genie” abgehandelte Paragraph (Blatt 2) ist lesenswert und offenbart ein extrem von der bestehenden Gesellschaft abgewandtes Verhalten, also das einer recht fanatischen Clicke, die uns heute sehr seltsam anmutet. In der damaligen Zeit waren solche Gruppierungen (Hesse-Glasperlenspiel) nicht unbedingt selten. Mit Sicherheit haben diese Formulierungen HHJ’s Leben im Kirchenbetrieb sehr schwierig gestaltet und für Zündstoff in der folgenden Nazizeit gesorgt. Dennoch ist bemerkenswert, dass Jahnn von Zürich aus mit Walcker in Geschäftskontakt war und die eine oder andere Disposition mit Mensuren gestaltete.
Von Jahnn selbst habe ich das im antiquarischen Markt extrem teuer gehandelte Bändchen ” Hans Henny Jahnn - Der Einfluß der Schleifwindlade auf die Tonbildung der Orgel” gescannt und stelle es hier zur freien Verfügung. hhj_sl_ugrino.pdf
Am Schluß möchte ich noch auf eine Merkwürdigkeit der letzten Tage eingehen, nämlich auf Hans Henny Jahnn als “Daniel in der Löwengrube”, wie angemerkt von Henny Jahn alias Walentowitz, im ARS ORGANI 3/2009.
Man tut dem Ideal nichts Gutes indem man ihn aus dem allermenschlichsten Bereich ins Jenseits erhebt. Niemand im Dritten Reich hat sich Hitler und seine Gang ausgesucht, in dem Sinne, dass man das ungeheure Maß dieses Verbrechertums vorausgesehen hat. Und kein Mensch heute kann genau abschätzen, wie er sich in einem solchen Denunziantenstaat verhalten würde, wo jederzeit Auschwitz oder Dachau gedroht haben. Heutztage also berühmte Namen an die Wand zu malen und als charakterlose Lumpen abzuhandeln, nachdem die Nazis 6 Jahre lang gewütet haben - das ist schon eine sehr gewagte Selbstüberhebung.
Hans Henny Jahnn war im Orgelbau seiner Zeit angekommen und geschätzt. Ein Problem bereitete seine künstlerische Persönlichkeit und seine auf Eros gründende Kunst. Dies waren Dinge, die natürlich besonders in der braunen, kleinbürgerlichen Enge der damaligen Zeit extrem schlecht ankamen. Auch heute würde das in dem anstehenden “postfundamentalen Christentum” der “Provinz Hamburg”, das durchaus mit “Enge” zugepflastert ist, zumindest mit völliger Ignoranz gesegnet werden. Im Süden stehen die Zeichen noch wesentlich schlechter, hier herrschen teils bürokratische Diktaturen die kaum noch durchschaut werden können. Vielleicht hätte Jahnn mit einem Außenminister Westerwelle in Berlin keine Probleme. Allerdings bin ich mir da nicht ganz so sicher.
Hier noch ein paar Links auf Hans Henny Jahnn auf unseren Seiten:
Hans Henny Jahnn schrieb bereits im Jahre 1940 in einem Brief an seine Geliebte Judit … Später verdichtet sich in Jahnn dieser Zweifel mehr und mehr, …
www.walckerorgel.de/gewalcker.de/seite11.htm
21. Jan. 2006 … Hans Henny Jahnn habe berechtigterweise Zweifel an den Fähigkeiten der Firma Kemper gehabt. Wobei hier unterschiedliche Auffassungen mir …
www.walckerorgel.de/gewalcker.de/wunderlich.htm
Roswitha Schieb. “… die riesenhafte Panflöte der Orgel …” Hans Henny Jahnn und der Ludwigsburger Orgelbauer Oscar Walcker …
www.walckerorgel.de/gewalcker.de/inner_c/jahnnundow.htm gwm
Reprints sind Bücher, die 50 oder 60 Jahre oder mehr nach Erscheinen der Originalausgaben meist in einfacher Form nachgedruckt werden. Im Orgelbereich hat sich hier der Verlag Frits Knuf aber auch Baerenreiter einen Namen gemacht.Ganz besonders gelungene Reprints waren für mich Orgelbau, Orgelton und Orgelsspiel von Grosse-Weischede (Knuf) und Andreas Werckmeister - Orgelprobe (Baerenreiter).Schaut man heute in ZVAB nach, das sind die vereinigten Antiquariate auf dem Internet, finden wir momentan einen enormen Preisverfall von Orgelbüchern, sicher, weil das Interesse auch gewaltig nachlässt.Ich möchte hier einige Exemplare vorstellen, die ich für wichtig und gut halte. Zunächst gescannte Buchdeckel, dann eine Liste mit erläuterten Bücher
.
und hier nun wirkliche Prachtexemplare zu Preisen zwischen 15 und 20 Euro
oder Anweisung zum zweckmäßigen Gebrauch der Orgel bei Gottesverehrungen in Beispielen. Drei Abtheilungen. With an introduction by Gerard Bal. Reprint der Ausgaben Erfurt 1801,1803 und 1831(3. vermehrte, verbesserte und wohlfeilere Ausgabe) in einem Band. XI,364 Seiten mit zahlreichen Notenbeispielen, gebunden (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 72/ FritsKnufVerlag 1981)Sprache: Deutsch
seu Celeberrimorum quorundam in Urbe ac Patria praecipuis autem (ut vocantur) Monasteriorum Ruralium Ecclesiis, hujusce Dioeceseos Hildesiensis ac vicinis aliquot locis sitorum Artificiose perfectorum, ampliori structura spectabilium, ob earundem, quas de praesenti exhibent, Dispositionum varietatem selectissimarum itidem Vocum, praestantiam singularem, intuitu, observatione ac notitia praeprimis dignorum Organorum Succincta Lustratio, seu dispositiva ac compendiose (nonnullis adnotamentis hinc & inde sparsim intermixtis) data Descriptio cum Dedicatione speciali. Reprint der Ausgabe Hildesheim 1738. Mit einem Nachwort neu hrsg. von Ernst Palandt 1930. 79 Seiten mit 5 Abb., broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 29/ FritsKnufVerlag 1981).Sprache: Deutsch, Lateinisch
Ein Beitrag zur Geschichte der Orgelmusik. Reprint der Ausgabe Kassel 1932. 135 Seiten und 29 Notenbeispiele, Leinen (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 48/ FritsKnufVerlag 1980). Sprache: Deutsch
Reprint der Erstausgabe Regensburg 1916. VII,264 Seiten mit zahlreichen Notenbeispielen sowie drei Abb., gebunden (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organ and organ-building; Vol. 78/ FritsKnufVerlag 1986). Sprache: Deutsch
With notes by Peter Williams. Reprint der 1897 in Berlin erschienenen Ausgabe. 82 Seiten mit einigen Notenbeispielen, broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 19/ FritsKnufVerlag 1968).Sprache: Deutsch, Englisch
Katechismus der Orgel. Erklärung ihrer Struktur besonders in Beziehung auf technische Behandlung beim Spiel. Reprint der 3. Auflage o. J. VIII,120 Seiten mit 25 Abb. / Taschenbuch des Orgelbau-Revisors. Mit böhmischer und ungarischer Terminologie sowie einem Anhange, enthaltend die in der Orgelbaukunst am häufigten gebrauchten Formeln und Tabellen. Reprint der Ausgabe Wien 1908. VI,322 Seiten, broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 17/ FritsKnufVerlag 1980). Sprache: Deutsch
für Orgelspieler und alle diejenigen, welche bey Erbauung, Reparatur, Prüfung und Erhaltung dieser Instrumente interessirt sind. 2. Reprint der 1815 in Gotha erschienenen Ausgabe. XX,365 Seiten und 2 Abb., broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 3/ FritsKnufVerlag 1972).
Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte, erschienen 2008 im Siebenquart-Verlag Dr. Roland Eberlein, 766 Seiten
Es ist nicht einfach diesen Band mit einem klaren Wort zu fassen. Grund dafür sind vor allem die mehr oder weniger „mängelbehafteten“ Vorgänger, ob sie nun „Mahrenholz“, „“Locher“ oder sonst wie heißen mögen.
Der Tanz um Orgelbegriffe und ihre Auslegungen hat mit der wissenschaftlichen Methodik nicht abgenommen, sondern führt mit neugefundenen Worthülsen zu immenser Begriffsinflation in Spezialgebieten, wie den des Orgelbaus, was sich besonders leicht und deutlich mit Computermechanik nun endlich endlos aufblähen lässt.
Und genau das Gegenteil wäre erwünscht, nämlich Vereinfachung, Reduzierung aufs Wesentliche, weg mit allem unnötigen Ballast: klare Denkstrukturen und reine Horizonte.
In heutiger Zeit ein solches Buch zu schreiben, da liegt es auf der Hand mit Computerunterstützung zu arbeiten und es wird auch direkt am Ende des Buches auf die CD-Rom mit Orgelregisterdatenbank zu weiteren 50.–€ eingeladen.
Ich persönlich halte diese Kombination jedoch für den Orgelbauer für absolut zeitgemäß und richtig, habe allerdings meine Probleme (nach den ersten 100 Tagen begeisterter Verwendung des Bandes) mit diesem Lexikon, einmal in der praktischen Handhabung und ein anderes Mal im schnellen Auffinden wichtiger Information.
Um das zu erklären, möchte ich mein Ideal kurz vorstellen.
Nehmen wir an, ich suche eine Rohrflöte 4’, wie sie im süddeutschen Raum um 1850 üblich war. Im idealen Fall finde ich eine Skizze mit den wichtigsten Maßen und C-Mensuren von Walcker, Steinmeyer, Wetzel, und einen kurzen Hinweis auf den Klang, was immer irgendwie subjektiv gefärbt sein darf. Oder es gibt eine Klangprobe aus der Datenbank, am besten noch der zusätzliche Hinweis, wo man das Register heute noch auffinden kann.
Bei Eberlein finden wir zum Thema „Rohrflöte“ rund 4 sehr enggedruckte Seiten (wie alles in diesem Buch natürlich enggedruckt ist), aber mit 7 verschiedenen Mensuren von 1511 bis zur heutigen Zeit. Alleine diesen Artikel durchzuarbeiten benötigt man rund 20 Minuten, wobei eben das Problem auftritt, dass die Historie nicht linear dargestellt wird. Sondern es werden die unterschiedlichen Bauweisen und Fundein verschiedenen Ländern gezeigt. Mir ist nicht klar, ob dahinter eine Systematik steckt. Das Positiv von Strobel 1559 kommt relativ am Ende des Artikels. Man kann also nicht von „hinten nach vorne lesen“ oder sich irgendwie in einem „Zeitrahmen“ bewegen.
Ein weiteres Beispiel „Italienisch Principal“.
Dazu möchte ich noch kurz zur Einleitung des Buches zurückkehren.
Hier begründet Eberlein völlig zu Recht, dass er nicht auf dem Werk von Christhard Mahrenholz „Die Orgelregister, ihre Geschichte und ihr Bau“ aufbauen konnte, weil das Buch von ganz gründlichen Irrtümern nur so wimmelt. Und nach meiner Auffassung nicht nur das, sondern es ist ein ideologisches Machwerk, das Mahrenholz besser „Mein Kampf um die Orgelregister“ hätte titulieren sollen. Und Eberlein weist sehr gewissenhaft die Mahrenholzschen Fehlleistungen nach, so dass man also nach Studium des Vorwortes sehr gut über diese Zusammenhänge informiert ist.
Nun aber im Lexikonteil unter „Italienisch Principal“ weitere Attacken auf Mahrenholz und Jahnn zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Da denkt man, die Sache sei ausgestanden, aber es finden weitere Hiebe statt: „Aber unfaßbarerweise hat der als Wissenschaftler ausgebildete Christhard Mahrenholz Jahnns Vorstellung von „italienischen Principal“ unbesehen in das damalige Standardwerk über Orgelregister übernommen und diesem Hirngespinst obendrein eine zentrale Position in der Geschichte der Registerentwicklungen beigemessen als Stammvater der weiten zylindrischen Flötenregister (siehe Einleitung), obwohl ihm unmöglich verborgen geblieben sein kann, dass keine Fakten vorlagen, auf die sich Jahnns Behauptung stützen konnte.“
Tatsächlich weist Eberlein schlüssig nach, dass Jahnns Annahme von einer weiten Mensur der italienischen Principale, was Mahrenholz unbesehen übernommen hatte, absolut unhaltbar bleibt.
Aber, und jetzt kommt der Hasenfuß, Eberlein bringt nicht eine einzige Mensur oder einen winzigen Hinweis aus einer typisch italienischen Orgel, wo dieser Nachweis in Zahlenform aufleuchtet, sondern nur einen lapidaren Satz: „Der Unterschied zwischen Italienisch Principal und normalem, „deutschen“ Principal reduzierte sich mithin auf eine etwas flötigere Intonation und eventuell etwas schmalere Labiierung des Italienisch Principals.“
Das ist aber zu wenig und rechtfertigt in keinem Falle die zuvor gemachte Polemik.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bornefeld in Murrhardt, der im Hauptwerk der Murrhardter Orgel nur ein Italiensch Principal 4’ disponierte und keinen dem Prinzipalpleno angemessenen „deutschen“ Principal, und wie Bornefeld mit gleicher Auffassung wie Mahrenholz argumentierte. Nach aller Erkenntnis heute, wäre ja eine Diskussion um richtig oder falsch disponiert nur im Angesichte der reinen nachweisbaren Zahlen (Durchmesser und Labienmensuren) zu führen, und nicht mit der Begründung, das wird halt etwas flötiger intoniert.
Conclusio: Wir Orgelbauer werden immer gerne auf den „Eberlein“ zurückgreifen, weil so umfassend noch keiner ein Buch über Orgelregister hat schreiben können. Dennoch ist es berechtigt Warnungen auszustoßen. Zum Beispiel könnte man heute via Datenbanken großartige Bücher über Orgeln und ihre Dispositionen schreiben oder sonstwie, das “flüssige” Wort der Datenbanken wie weiland der Zauberlehrling den Besen auf die Orgel-Menschheit loslassen, das in der biblischen “Sprachverwirrung=Babylon=Barbaria” endet. Das schlimmste Übel, das das Alte Testament kannte, und das mit höchster Wahrscheinlichkeit unsere heutige Zeit mehr betrifft als andere Zeiten.
Heutzutage bin ich eher der Auffassung zu sagen: Jedes Buch, das nicht geschrieben wurde, ist ein gutes Buch, - weil es stört mein Interesse nicht, das heißt meine Ablenkung vom Thema wird minimiert. Denn das Thema muss immer irgendwie heißen: „Liebet Eure Orgeln, und auch Eure Frauen!“
Und mit diesem Satz, den auch Albert Schweitzer gesagt haben könnte, möchte man ja eigentlich nur andeuten, dass all dieser ganze abstrakt aufleuchtende Kosmos an Begriffen und Worten ums Thema Orgel uns immer auch vom Wesen der Orgel etwas ablenkt.
Oder - das große Geheimnis um Orgel und Orgelmusik kann eben auch vom Wort erstickt werden.
Falkenberg hat mit diesen beiden Bänden einen Standard geschaffen für Orgelliteratur über Orgelbauer und ihre Werkstätten. Beide Bände zeichnen sich aus durch eine sehr gute Lesbarkeit, umfassende akribische Aufnahme aller wissenswerter Fakten, gute Übersicht. Die Bücher sind sowohl leicht lesbar und können gut für die Praxis verwendet werden.
Der erste Band erschien kurz nach der Wende im Verlag Rensch 1990, der zweite, leider in der Qualität etwas dürftiger ausgefallen, im Musikwissenschaftlichen Verlag, Kleinblittersdorf 1998.
Mit dem ersten Band “Wilhelm Sauer 1831-1916″ erhalten wir eine hervorragende Darstellung der Geschichte rund um die Firma und Wilhelm Sauer, im zweiten Teil des Buches werden die einzelnen Orgeln der Reihe nach vorgeführt, mit hervorragenden Skizzen oder Fotografien und Dispositionen, die allesamt erläutert werden. Man kann diesen Band wie ein Lesebuch durch die Deutsche Orgelromantik studieren. Es macht unheimlich Spass hierUntersuchungen anzustellen. Nachfolgend das Deckblatt des Buches, Inhalt und ein Musterblatt, das mir besonders gefiel.
Der zweite Band im Verlag meines Vaters erschienen, beschäftigt sich also ab 1910, wo das Unternehmen bis 1999 im Eigentum der Familie Walcker war, mit der wechselvollen Geschichte durch die zwei Weltkriege und der noch lange nicht aufgearbeiteten Zeit der Ulbricht-Honecker-Ära. Sehr interessant die wirtschaftlichen Zusammenhänge die Falkenberg erläutert, und natürlich werden die Dispositionen, Mixturzusammensetzungen und Windladensysteme sowie Zusammenhänge dazu erläutert.
Hier also Titelblatt, Inhaltsverzeichnis und Beispielblatt
Das Handbuch der Orgelkunde, kurz “der Ellerhorst” hat jeden Orgelbauer irgendwann gestreift, und sei es nur im negativen Sinne. Der über 840 Seiten schwere Wälzer wurde von einem begeisterten österreichischen Orgelfreund gescannt und Scan samt Buch wieder an mich retourniert. Wir hatten uns vorher geeinigt das Ganze dann online allen Interessenten zur Verfügung zu stellen.
Was bietet uns dieser Band? Eigentlich müsste man ein PDF online stellen, das textlich abgefragt werden kann, damit der Vorteil der lexikalischen Behandlung hier genutzt werden kann. Dies ist aber aus technischen Gründen z.Zt. nicht möglich. Wahrscheinlich wird solch eine Variante Ende des Jahres von mir per DVD zur Verfügung gestellt. Die hier vorliegende Form ist ein komprimiertes PDF-Format, das insgesamt rund 85MByte beansprucht.
Am Inhaltsverzeichnis erkennt man schnell wohin der Hase rennt: I)Grundlagen der Mathematik, Physik, II) der Klang III) Werkstoffe IV) Der Klangkörper der Orgel V) Stimmung der Orgel VI) Winderzeugung und -leitungen VII) Windladen VIII) Die Steuerung der Orgel IX) Der Spieltisch X)Die Dynamik der Orgel XI) Stellung der Orgel im Raum XII) Aufbau der Orgel (Statik, Gehäuse etc) XV) Entwicklung Orgelklangstile XVI) Geschichte ORgelmusik und dann noch Orgelbauer, Orgelsachberater und Vergebung von Orgelbauten, Pflege der Orgel.
Insgesamt also eine rein technische Sicht zur Orgel in der Zeit der 30er Jahre. Also eine sehr begrenzte Perspektive.
Ich denke, dass zur Restaurierung der Instrumente der damaligen Zeit das Hinzuziehen des “Ellerhorst” immer eine interessante Bereichung darstellt. Bei der technischen Seite allerdings ist schon allein aus der veralteten Formeldarstellung ein gewisses Problem. Hinzu kommt, dass Ellerhorst eine Menge an Formeln eingebracht hat, die kein normaler Orgelbauer je benutzt hat. Ganz gut aber sind die verschiedenen elektropneumatischen Kästchen dargestellt und Steuerungen aus dieser Zeit.
Heute wäre es eigentlich an der Zeit eine griffigere Variante zu erstellen, die mit all dem unnötigen und weit ausholenden Erläuterungen Schluss macht. Ansätze dazu bietet Mahrenholz und Goebel. Dazu wäre eigentlich nur erforderlich die wichtigsten Hebelgesetzte, Windberechnungen, Elektrik und gegenwartsbezogene Elektronik einzubinden. Wenn man dazu noch in der Lage wäre dieses ganze Rechnen in computergestützte Formen einzubringen, würde Ellerhorstens Werk wohl auf 100 Seiten sein Ende finden.
Aber dazu werden wir es im Orgelbau wohl nicht mehr bringen, weswegen die alten Schlachten immer wieder neu geschlagen werden müssen und dann die alten, überlebten Bücher wieder und wieder aufgeschlagen werden müssen.
Das vorliegende Buch hat zwischen Seite 65 und 80 produktionsbedingt fehlende Seiten.