Archive for September, 2009

Preisverfall auf dem Reprint-Orgelbuch-Markt

Samstag, September 26th, 2009

Reprints sind Bücher, die 50 oder 60 Jahre oder mehr nach Erscheinen der Originalausgaben meist in einfacher Form nachgedruckt werden. Im Orgelbereich hat sich hier der Verlag Frits Knuf aber auch Baerenreiter einen Namen gemacht.Ganz besonders gelungene Reprints waren für mich Orgelbau, Orgelton und Orgelsspiel von Grosse-Weischede (Knuf) und Andreas Werckmeister - Orgelprobe (Baerenreiter).Schaut man heute in ZVAB nach, das sind die vereinigten Antiquariate auf dem Internet, finden wir momentan einen enormen Preisverfall von Orgelbüchern, sicher, weil das Interesse auch gewaltig nachlässt.Ich möchte hier einige Exemplare vorstellen, die ich für wichtig und gut halte. Zunächst gescannte Buchdeckel, dann eine Liste mit erläuterten Bücher

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und hier nun wirkliche Prachtexemplare zu Preisen zwischen 15 und 20 Euro

Schlimbach, G. C. Fr.:

Über die Structur, Erhaltung, Stimmung, Prüfung etc. der Orgel.

Reprint der Ausgabe Leipzig 1801. XL,303 Seiten und 6 Falttafeln, broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 8/ Frits Knuf Verlag 1966).  Sprache: Deutsch

 

 

Kittel, Johann Christian:

Der angehende praktische Organist,

oder Anweisung zum zweckmäßigen Gebrauch der Orgel bei Gottesverehrungen in Beispielen. Drei Abtheilungen. With an introduction by Gerard Bal. Reprint der Ausgaben Erfurt 1801,1803 und 1831(3. vermehrte, verbesserte und wohlfeilere Ausgabe) in einem Band. XI,364 Seiten mit zahlreichen Notenbeispielen, gebunden (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 72/ Frits Knuf Verlag 1981)Sprache: Deutsch

 

Biermann, Johann Hermann:

Organographia Hildesiensis Specialis,

seu Celeberrimorum quorundam in Urbe ac Patria praecipuis autem (ut vocantur) Monasteriorum Ruralium Ecclesiis, hujusce Dioeceseos Hildesiensis ac vicinis aliquot locis sitorum Artificiose perfectorum, ampliori structura spectabilium, ob earundem, quas de praesenti exhibent, Dispositionum varietatem selectissimarum itidem Vocum, praestantiam singularem, intuitu, observatione ac notitia praeprimis dignorum Organorum Succincta Lustratio, seu dispositiva ac compendiose (nonnullis adnotamentis hinc & inde sparsim intermixtis) data Descriptio cum Dedicatione speciali. Reprint der Ausgabe Hildesheim 1738. Mit einem Nachwort neu hrsg. von Ernst Palandt 1930. 79 Seiten mit 5 Abb., broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 29/ Frits Knuf Verlag 1981).Sprache: Deutsch, Lateinisch

 

Fellerer, Karl Gustav:

Studien zur Orgelmusik des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts.

Ein Beitrag zur Geschichte der Orgelmusik. Reprint der Ausgabe Kassel 1932. 135 Seiten und 29 Notenbeispiele, Leinen (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 48/ Frits Knuf Verlag 1980).  Sprache: Deutsch

 

Kroyer, Theodor:

Joseph Rheinberger.

Reprint der Erstausgabe Regensburg 1916. VII,264 Seiten mit zahlreichen Notenbeispielen sowie drei Abb., gebunden (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organ and organ-building; Vol. 78/ Frits Knuf Verlag 1986).  Sprache: Deutsch

 


 

Grosse-Weischede, A.:

Orgelbau, Orgelton und Orgelspiel.

Reprint der Ausgabe Bochum 1910. VI,183 Seiten mit 34 Abb. und zahlreichen Notenbeispielen, broschiert (Bibliotheca Organologica; Vol. 25/ Frits Knuf Verlag 1985).Sprache: Deutsch

 

Loewenfeld, Hans:

Leonhard Kleber und sein Orgeltabulaturbuch als Beitrag zur Geschichte der Orgelmusik im beginnenden XVI. Jahrhundert.

With notes by Peter Williams. Reprint der 1897 in Berlin erschienenen Ausgabe. 82 Seiten mit einigen Notenbeispielen, broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 19/ Frits Knuf Verlag 1968).Sprache: Deutsch, Englisch

 

Bruckner-Bigenwald, Martha:

Die Anfänge der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung.

Reprint der Ausgabe Sibiu-Hermannstadt 1938. 102 Seiten, broschiert (Verlag Frits A. M. Knuf 1965)Sprache: Deutsch

 

Richter E.F./ Walther Edmund Ehrenhofer:

Zwei Bücher in einem Band:

Katechismus der Orgel. Erklärung ihrer Struktur besonders in Beziehung auf technische Behandlung beim Spiel. Reprint der 3. Auflage o. J. VIII,120 Seiten mit 25 Abb. / Taschenbuch des Orgelbau-Revisors. Mit böhmischer und ungarischer Terminologie sowie einem Anhange, enthaltend die in der Orgelbaukunst am häufigten gebrauchten Formeln und Tabellen. Reprint der Ausgabe Wien 1908. VI,322 Seiten, broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 17/ Frits Knuf Verlag 1980).  Sprache: Deutsch

 

 

Wolfram, Joh. Christian:

Anleitung zur Kenntniß, Beurtheilung und Erhaltung der Orgeln

für Orgelspieler und alle diejenigen, welche bey Erbauung, Reparatur, Prüfung und Erhaltung dieser Instrumente interessirt sind. 2. Reprint der 1815 in Gotha erschienenen Ausgabe. XX,365 Seiten und 2 Abb., broschiert (Bibliotheca Organologica: Facsimiles of rare books on organs and organbuilding; Vol. 3/ Frits Knuf Verlag 1972).  

Sprache: Deutsch

 

gwm

Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte

Dienstag, September 8th, 2009

Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte, erschienen 2008 im Siebenquart-Verlag Dr. Roland Eberlein, 766 Seiten

 

Es ist nicht einfach diesen Band mit einem klaren Wort zu fassen. Grund dafür sind vor allem die mehr oder weniger „mängelbehafteten“ Vorgänger, ob sie nun „Mahrenholz“, „“Locher“ oder sonst wie heißen mögen.

Der Tanz um Orgelbegriffe und ihre Auslegungen hat mit der wissenschaftlichen Methodik nicht abgenommen, sondern führt mit neugefundenen Worthülsen zu immenser Begriffsinflation in Spezialgebieten, wie den des Orgelbaus, was sich besonders leicht und deutlich mit Computermechanik nun endlich endlos aufblähen lässt.

Und genau das Gegenteil wäre erwünscht, nämlich Vereinfachung, Reduzierung aufs Wesentliche, weg mit allem unnötigen Ballast: klare Denkstrukturen und reine Horizonte. 

In heutiger Zeit ein solches Buch zu schreiben, da liegt es auf der Hand mit Computerunterstützung zu arbeiten und es wird auch direkt am Ende des Buches auf die CD-Rom mit Orgelregisterdatenbank zu weiteren 50.–€ eingeladen.

Ich persönlich halte diese Kombination jedoch für den Orgelbauer für absolut zeitgemäß und richtig, habe allerdings meine Probleme (nach den ersten 100 Tagen begeisterter Verwendung des Bandes) mit diesem Lexikon, einmal in der praktischen Handhabung und ein anderes Mal im schnellen Auffinden wichtiger Information.

Um das zu erklären, möchte ich mein Ideal kurz vorstellen.

Nehmen wir an, ich suche eine Rohrflöte 4’, wie sie im süddeutschen Raum um 1850 üblich war. Im idealen Fall finde ich eine Skizze mit den wichtigsten Maßen und C-Mensuren von Walcker, Steinmeyer, Wetzel, und einen kurzen Hinweis auf den Klang, was immer irgendwie subjektiv gefärbt sein darf. Oder es gibt eine Klangprobe aus der Datenbank, am besten noch der zusätzliche Hinweis, wo man das Register heute noch auffinden kann.

Bei Eberlein finden wir zum Thema „Rohrflöte“ rund 4 sehr enggedruckte Seiten (wie alles in diesem Buch natürlich enggedruckt ist), aber mit 7 verschiedenen Mensuren von 1511 bis zur heutigen Zeit. Alleine diesen Artikel durchzuarbeiten benötigt man rund 20 Minuten, wobei eben das Problem auftritt, dass die Historie nicht linear dargestellt wird. Sondern es werden die unterschiedlichen Bauweisen und Funde  in verschiedenen Ländern gezeigt. Mir ist nicht klar, ob dahinter eine Systematik steckt. Das Positiv von Strobel 1559 kommt relativ am Ende des Artikels. Man kann also nicht von „hinten nach vorne lesen“ oder sich irgendwie in einem „Zeitrahmen“ bewegen.

Ein weiteres Beispiel „Italienisch Principal“.

Dazu möchte ich noch kurz zur Einleitung des Buches zurückkehren.

Hier begründet Eberlein völlig zu Recht, dass er nicht auf dem Werk von Christhard Mahrenholz „Die Orgelregister, ihre Geschichte und ihr Bau“ aufbauen konnte, weil das Buch von ganz gründlichen Irrtümern nur so wimmelt. Und nach meiner Auffassung nicht nur das, sondern es ist ein ideologisches Machwerk, das Mahrenholz besser „Mein Kampf um die Orgelregister“ hätte titulieren sollen. Und Eberlein weist sehr gewissenhaft die Mahrenholzschen Fehlleistungen nach, so dass man also nach Studium des Vorwortes sehr gut über diese Zusammenhänge informiert ist.

Nun aber im Lexikonteil unter „Italienisch Principal“ weitere Attacken auf Mahrenholz und Jahnn zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Da denkt man, die Sache sei ausgestanden, aber es finden weitere Hiebe statt: „Aber unfaßbarerweise hat der als Wissenschaftler ausgebildete Christhard Mahrenholz Jahnns Vorstellung von „italienischen Principal“ unbesehen in das damalige Standardwerk über Orgelregister übernommen und diesem Hirngespinst obendrein eine zentrale Position in der Geschichte der Registerentwicklungen beigemessen als Stammvater der weiten zylindrischen Flötenregister (siehe Einleitung), obwohl ihm unmöglich verborgen geblieben sein kann, dass keine Fakten vorlagen, auf die sich Jahnns Behauptung stützen konnte.“

Tatsächlich weist Eberlein schlüssig nach, dass Jahnns Annahme von einer weiten Mensur der italienischen Principale, was Mahrenholz unbesehen übernommen hatte, absolut unhaltbar bleibt.

Aber, und jetzt kommt der Hasenfuß, Eberlein bringt nicht eine einzige Mensur oder einen winzigen Hinweis aus einer typisch italienischen Orgel, wo dieser Nachweis in Zahlenform aufleuchtet, sondern nur einen lapidaren Satz: „Der Unterschied zwischen Italienisch Principal und normalem, „deutschen“ Principal reduzierte sich mithin auf eine etwas flötigere Intonation und eventuell etwas schmalere Labiierung des Italienisch Principals.“

Das ist aber zu wenig und rechtfertigt in keinem Falle die zuvor gemachte Polemik.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bornefeld in Murrhardt, der im Hauptwerk der Murrhardter Orgel nur ein Italiensch Principal 4’ disponierte und keinen dem Prinzipalpleno angemessenen „deutschen“ Principal, und wie Bornefeld mit gleicher Auffassung wie Mahrenholz argumentierte. Nach aller Erkenntnis heute, wäre ja eine Diskussion um richtig oder falsch disponiert nur im Angesichte der reinen nachweisbaren Zahlen (Durchmesser und Labienmensuren) zu führen, und nicht mit der Begründung, das wird halt etwas flötiger intoniert.

Conclusio: Wir Orgelbauer werden immer gerne auf den „Eberlein“ zurückgreifen, weil so umfassend noch keiner ein Buch über Orgelregister hat schreiben können. Dennoch ist es berechtigt Warnungen auszustoßen. Zum Beispiel könnte man heute via Datenbanken großartige Bücher über Orgeln und ihre Dispositionen schreiben oder sonstwie, das “flüssige” Wort der Datenbanken wie weiland der Zauberlehrling den Besen auf die Orgel-Menschheit loslassen, das in der biblischen “Sprachverwirrung=Babylon=Barbaria” endet. Das schlimmste Übel, das das Alte Testament kannte, und das mit höchster Wahrscheinlichkeit unsere heutige Zeit mehr betrifft als andere Zeiten.

Heutzutage bin ich eher der Auffassung zu sagen: Jedes Buch, das nicht geschrieben wurde, ist ein gutes Buch, - weil es stört mein Interesse nicht, das heißt meine Ablenkung vom Thema wird minimiert. Denn das Thema muss immer irgendwie heißen: „Liebet Eure Orgeln, und auch Eure Frauen!“

Und mit diesem Satz, den auch Albert Schweitzer gesagt haben könnte, möchte man ja eigentlich nur andeuten, dass all dieser ganze abstrakt aufleuchtende Kosmos an Begriffen und Worten ums Thema Orgel uns immer auch vom Wesen der Orgel etwas ablenkt.

Oder - das große Geheimnis um Orgel und Orgelmusik kann eben auch vom Wort erstickt werden.

gwm

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