Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte


Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte, erschienen 2008 im Siebenquart-Verlag Dr. Roland Eberlein, 766 Seiten

 

Es ist nicht einfach diesen Band mit einem klaren Wort zu fassen. Grund dafür sind vor allem die mehr oder weniger „mängelbehafteten“ Vorgänger, ob sie nun „Mahrenholz“, „“Locher“ oder sonst wie heißen mögen.

Der Tanz um Orgelbegriffe und ihre Auslegungen hat mit der wissenschaftlichen Methodik nicht abgenommen, sondern führt mit neugefundenen Worthülsen zu immenser Begriffsinflation in Spezialgebieten, wie den des Orgelbaus, was sich besonders leicht und deutlich mit Computermechanik nun endlich endlos aufblähen lässt.

Und genau das Gegenteil wäre erwünscht, nämlich Vereinfachung, Reduzierung aufs Wesentliche, weg mit allem unnötigen Ballast: klare Denkstrukturen und reine Horizonte. 

In heutiger Zeit ein solches Buch zu schreiben, da liegt es auf der Hand mit Computerunterstützung zu arbeiten und es wird auch direkt am Ende des Buches auf die CD-Rom mit Orgelregisterdatenbank zu weiteren 50.–€ eingeladen.

Ich persönlich halte diese Kombination jedoch für den Orgelbauer für absolut zeitgemäß und richtig, habe allerdings meine Probleme (nach den ersten 100 Tagen begeisterter Verwendung des Bandes) mit diesem Lexikon, einmal in der praktischen Handhabung und ein anderes Mal im schnellen Auffinden wichtiger Information.

Um das zu erklären, möchte ich mein Ideal kurz vorstellen.

Nehmen wir an, ich suche eine Rohrflöte 4’, wie sie im süddeutschen Raum um 1850 üblich war. Im idealen Fall finde ich eine Skizze mit den wichtigsten Maßen und C-Mensuren von Walcker, Steinmeyer, Wetzel, und einen kurzen Hinweis auf den Klang, was immer irgendwie subjektiv gefärbt sein darf. Oder es gibt eine Klangprobe aus der Datenbank, am besten noch der zusätzliche Hinweis, wo man das Register heute noch auffinden kann.

Bei Eberlein finden wir zum Thema „Rohrflöte“ rund 4 sehr enggedruckte Seiten (wie alles in diesem Buch natürlich enggedruckt ist), aber mit 7 verschiedenen Mensuren von 1511 bis zur heutigen Zeit. Alleine diesen Artikel durchzuarbeiten benötigt man rund 20 Minuten, wobei eben das Problem auftritt, dass die Historie nicht linear dargestellt wird. Sondern es werden die unterschiedlichen Bauweisen und Funde  in verschiedenen Ländern gezeigt. Mir ist nicht klar, ob dahinter eine Systematik steckt. Das Positiv von Strobel 1559 kommt relativ am Ende des Artikels. Man kann also nicht von „hinten nach vorne lesen“ oder sich irgendwie in einem „Zeitrahmen“ bewegen.

Ein weiteres Beispiel „Italienisch Principal“.

Dazu möchte ich noch kurz zur Einleitung des Buches zurückkehren.

Hier begründet Eberlein völlig zu Recht, dass er nicht auf dem Werk von Christhard Mahrenholz „Die Orgelregister, ihre Geschichte und ihr Bau“ aufbauen konnte, weil das Buch von ganz gründlichen Irrtümern nur so wimmelt. Und nach meiner Auffassung nicht nur das, sondern es ist ein ideologisches Machwerk, das Mahrenholz besser „Mein Kampf um die Orgelregister“ hätte titulieren sollen. Und Eberlein weist sehr gewissenhaft die Mahrenholzschen Fehlleistungen nach, so dass man also nach Studium des Vorwortes sehr gut über diese Zusammenhänge informiert ist.

Nun aber im Lexikonteil unter „Italienisch Principal“ weitere Attacken auf Mahrenholz und Jahnn zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Da denkt man, die Sache sei ausgestanden, aber es finden weitere Hiebe statt: „Aber unfaßbarerweise hat der als Wissenschaftler ausgebildete Christhard Mahrenholz Jahnns Vorstellung von „italienischen Principal“ unbesehen in das damalige Standardwerk über Orgelregister übernommen und diesem Hirngespinst obendrein eine zentrale Position in der Geschichte der Registerentwicklungen beigemessen als Stammvater der weiten zylindrischen Flötenregister (siehe Einleitung), obwohl ihm unmöglich verborgen geblieben sein kann, dass keine Fakten vorlagen, auf die sich Jahnns Behauptung stützen konnte.“

Tatsächlich weist Eberlein schlüssig nach, dass Jahnns Annahme von einer weiten Mensur der italienischen Principale, was Mahrenholz unbesehen übernommen hatte, absolut unhaltbar bleibt.

Aber, und jetzt kommt der Hasenfuß, Eberlein bringt nicht eine einzige Mensur oder einen winzigen Hinweis aus einer typisch italienischen Orgel, wo dieser Nachweis in Zahlenform aufleuchtet, sondern nur einen lapidaren Satz: „Der Unterschied zwischen Italienisch Principal und normalem, „deutschen“ Principal reduzierte sich mithin auf eine etwas flötigere Intonation und eventuell etwas schmalere Labiierung des Italienisch Principals.“

Das ist aber zu wenig und rechtfertigt in keinem Falle die zuvor gemachte Polemik.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bornefeld in Murrhardt, der im Hauptwerk der Murrhardter Orgel nur ein Italiensch Principal 4’ disponierte und keinen dem Prinzipalpleno angemessenen „deutschen“ Principal, und wie Bornefeld mit gleicher Auffassung wie Mahrenholz argumentierte. Nach aller Erkenntnis heute, wäre ja eine Diskussion um richtig oder falsch disponiert nur im Angesichte der reinen nachweisbaren Zahlen (Durchmesser und Labienmensuren) zu führen, und nicht mit der Begründung, das wird halt etwas flötiger intoniert.

Conclusio: Wir Orgelbauer werden immer gerne auf den „Eberlein“ zurückgreifen, weil so umfassend noch keiner ein Buch über Orgelregister hat schreiben können. Dennoch ist es berechtigt Warnungen auszustoßen. Zum Beispiel könnte man heute via Datenbanken großartige Bücher über Orgeln und ihre Dispositionen schreiben oder sonstwie, das „flüssige“ Wort der Datenbanken wie weiland der Zauberlehrling den Besen auf die Orgel-Menschheit loslassen, das in der biblischen „Sprachverwirrung=Babylon=Barbaria“ endet. Das schlimmste Übel, das das Alte Testament kannte, und das mit höchster Wahrscheinlichkeit unsere heutige Zeit mehr betrifft als andere Zeiten.

Heutzutage bin ich eher der Auffassung zu sagen: Jedes Buch, das nicht geschrieben wurde, ist ein gutes Buch, – weil es stört mein Interesse nicht, das heißt meine Ablenkung vom Thema wird minimiert. Denn das Thema muss immer irgendwie heißen: „Liebet Eure Orgeln, und auch Eure Frauen!“

Und mit diesem Satz, den auch Albert Schweitzer gesagt haben könnte, möchte man ja eigentlich nur andeuten, dass all dieser ganze abstrakt aufleuchtende Kosmos an Begriffen und Worten ums Thema Orgel uns immer auch vom Wesen der Orgel etwas ablenkt.

Oder – das große Geheimnis um Orgel und Orgelmusik kann eben auch vom Wort erstickt werden.

gwm

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