Archive for the ‘Orgelbewegung’ Category

Bonkhoff „Historische Orgeln im Saarland“

Samstag, Mai 2nd, 2015

Beeindruckt vom Gewicht, der Größe und der sehr gut gemachten Buchqualität geht es auf den Weg eines der letzten Orgelbücher zu studieren. Die Frage steht im Raum, wo wohl die 125 historischen Instrumente im Saarland aufzufinden sind.
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Nun der Begriff „historisch“, so bin ich es im Orgelbau seit 50 Jahren gewohnt, wird von jedem anders ausgelegt. Es ist eine Sprechblase, mehr nicht.
Mit der Titelbezeichnung „wichtige“ oder „bedeutende“ Orgeln des Saarlandes wäre man dem Sachverhalt näher gekommen, hätte aber eine gewisse Verunsicherung ausgelöst.
Lassen wir das Thema also, es handelt sich effektiv nur um einen kleinen Teil historischer Orgeln, der Rest sind eben „wichtige und bedeutsame“ Instrumente des Saarlandes.
Beginnen wir da, wo der Autor beginnt, beim Vorwort, wo Bonkhoff mir aus dem Herzen spricht mit „(…) Im evangelischen Bereich und das sage ich als evangelischer Pfarrer mit großem Schmerz, sieht es in Sachen Orgel oft noch viel betrüblicher aus. Aber das liegt nicht an der verschwindend geringen Zahl der Pfarrer, sondern an der Festungslanlage Pfarrhaus, die sich so manche(r) geschaffen hat. (…) Nur eine Minderzahl unter den Kollegen hat sich interessiert, engagiert und reingekniet. Die Zeit, als der Pfarrer sich in der Geschichte seiner Pfarrkirche auskannte, regelmäßig die Pfarrbeschreibung ergänzt hat und sogar die deutsche Schrift lesen konnte, ist längst vorbei. „
Mit dem nächsten Kapitel „Entwicklungsgeschichte des Orgelbaus in der Saargegend“ werden wir zunächst einmal aufgeklärt, dass das Saargebiet erst seit 1920 durch den Versailler Vertrag existiert und keine geschlossene Kulturlandschaft darstellt. Nun folgen weitere Kapitel, „Die Frühzeit bis zum 17.JH, das 18.JH, das 19.JH und das 20.JH“, die ganz hervorragend die Geschichte des Orgelbaus und der Orgelbauer dieser Gegend dokumentieren.
Der gutgemeinte Ratschlag von Pfarrer Bonkhoff auf einer der letzten Seiten dieser Kapitel, die Kirchengemeinden mögen sich doch bitte zuerst mit den Orgelbauern auseinander setzen bevor sie einen Sachverständigen kommen lassen, mutet mir jedoch aus einer größeren Realitätsferne heraus entwickelt worden zu sein. Es geht dem Sachverständigen, egal um welche Art von Orgelprojekten es sich handelt, ausschließlich um Machtdemonstration, Platzhirschgehabe, eigentlich um niederste tierische Triebe. Weist man einem Sachverständigen technische Lösungen nach, die ihm fehlerhafte Gedankenbildung überführen, so wird man erstaunt feststellen, dass daraus nie eine vernunftgemäße Richtigstellung erfolgt, sondern es folgen Konsequenzen im Sinne des Machterhalts. Ich möchte keine Verallgemeinerungen zementieren, bin aber nach wie vor der Meinung, dass sich die Kirche mit dem Orgelsachverständigenwesen, das besonders seit dem letzten Weltkrieg das freie Atmen der Orgelbaukunst radikal verhindert und negativ reglementiert und alle nonkonformen Orgelbauer terrorisiert hat, wahrlich keinen Gefallen getan.
Hier eine Musterseite „Instrumente“, linker Hand:
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und hier nun rechter Hand:
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Nun weiter mit Bonkhoff „Die Instrumente“.
Die Logik dieses wichtigsten Buchteils hat sich mir nicht erschlossen.
So beginnt dieses Kapitel mit der ältesten Orgel des Saarlandes, ein dreiregistriges Werk, das Ohlert vor zwei Jahren nach St. Ingbert gebracht hat. Auf linker Seite sind schön geordnet, Historische Substanz, Quelle, Literatur, Disposition mit Jahreszahl, rechts das Bild der Orgel. Die Fotos des Bandes, ganz allgemein, sind absolut spitze, dank den vor Ort aufgenommen Fotografien von Richard Menzel.
Ich denke, man hätte den Textteil etwas präzisieren können, indem noch eine Rubrik mit „Orgelbauer“ eingefügt worden wäre, so dass das Ganze am Beispiel Wehrden so ausgesehen hätte:
Historische Substanz: Gehäuse von 1729, ein Großteil des Pfeifenwerks von 1930
allgemeiner Text ….
Literatur ….
Orgelbauer Johann Michael Stumm, 1729, 14/II
Roethinger, 1930
Mayer, 1996, 22/II , SV Busse
Es finden sich bei Bonkhoff Bemerkungen zu einzelnen Orgeln und Arbeiten, die man nicht akzeptieren kann. So schreibt er zum Beispiel über die Bübinger Orgel, die von der Familie Stumm um 1752 stammen soll: „Das ursprünglich grau-grün marmorierte Gehäuse wurde dann weiß gefasst. 2004 führte Orgelbau S. Instandsetzungsarbeiten durch und entfernte die weiße Fassung wieder. Dafür wurde ein Teil des Gehäuses unpassend rosa marmoriert. Die Orgel verdient eine exakte Restaurierung im strengen Sinn des stummschen Originals.“ Dieser Text ignoriert nicht nur die Bedingungen, unter denen der Orgelbauer zu arbeiten hatte, sondern lädt zur Spekulation ein, dass die Restaurierung des namentlich genannten Orgelbauers insgesamt fehlerhaft war. Aber an dem Foto erkennt man, dass die Marmorierung sehr vorteilhaft ausgeführt wurde. Das Weitere sollte man als Geschmacksfrage zurückgestellt belassen.
In einem anderen Fall, es handelt sich um die Saarbrücker Ludwigskirche, wird unter Historischer Substanz: Kopie des Stumm-Gehäuses (S.64). Weiter auf Seite 254 wird erneut diese Orgel aufgeführt, hier aber steht unter Historische Substanz: erhalten, und es wird nun die Disposition von 1982, der Beckerath-Orgel gezeigt, ohne auf die vorige Seiten zu verweisen. Das verwirrt und versteht letztendlich kein Mensch.
Ich bin dem Autor aber dankbar, dass er durch seine sachlichen Darstellungen im Texteil der einzelnen Instrumente Missverständnisse aufklärt, die gerne von Kirchengemeinden unters Volk gebracht werden, wie dies am Beispiel der Orgel in der Evang. Kirche zu Völklingen der Fall ist.
Hier wird mit Orgelfahrten und anderen Veranstaltungen auf eine bedeutende „Walcker-Orgel“ von 1929 hingewiesen, ohne die ganze Wahrheit je ans Licht zu bringen. Denn diese Orgel wurde 1979 komplett neu gebaut von Schuke in Form von mechanischen Schleifwindladen und einer völlig anderen Disposition insbesondere was die Mixturengestalt betrifft. Es ist schade, dass bei einer solch wichtigen Orgel, und ich halte auch das von Schuke geschaffene Orgelwerk für immens interessant, die Dispositionen und Mixturenzusammensetzung nicht wenigstens andeutungsweise gegenüber gestellt wurden.
Hier haben wir es mit typischen Mängeln der GDO und ihren Publikationen zu tun, wo nämlich die Oberfläche schön und laut glänzen muss, aber der tiefere Zusammenhang keine besondere Rolle mehr spielen darf.
Ich könnte hier noch weitere Beispiele zeigen, meine aber, um endlich zum Schluß zu kommen, dass dieses Buch von Bonkhoff eine ganz wichtige Grundlage für die Orgeln des Saarlandes ganz allgemein darstellt und zeituntypisch uns etwas mit auf den Weg gibt, wie man es nicht mehr oft erleben wird.
gewalcker@t-online.de

Thomas Lipski „Die Konzertsaalorgel in Deutschland“

Freitag, Juli 23rd, 2010

Thomas Lipski „Die Konzertsaalorgel in Deutschland – von den Anfängen im 19.Jahrhundert bis in den II.Weltkrieg“ ISBN-13-978-3-928243-33-9 

und als Ebook ISBN-13-978-3-928243-34-6 (kann geordert werden bei www.vpe-web.de ) —       ein großer Wurf, ein gutes Buch, ein wichtiges Buch. Warum?

Man könnte meinen, dass dieses Buch zur richtigen Zeit erscheint. Zu einer Zeit in der man sich anschickt, die Orgel wieder einmal aus der säkularen Perspektive sehen zu wollen-  um so wenigsten die Orgel vor den Flutungen der Kirche  zu retten. Wie einst symbolisch die Titanic-Orgel  gerettet werden sollte, weil der Orgelbauer andere Probleme hatte, als eine Schiffsreise nach Neu-York.

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Aber lassen wir diese Diskussion. Denn Reden über Orgel wird auch in Zukunft und vielleicht auch in hundert Jahren ein Reden sein über die Orgeln des 17. bis 19. Jahrhundert.

Wobei uns nun Thomas Lipski vielleicht die Tür aufgemacht hat, auch Orgeln zu sehen und zur Kenntnis zu nehmen, die ohne dieses Buch unseren Blickwinkel nicht mehr erreicht hätten.

Ich weiß nicht, ob in einer postindustriellen Zeit überhaupt noch das Interesse für solcherlei pluralistische Ausformungen der Orgelvielfalt erhalten bleiben wird, oder ob es wie in manchen Orgelkonzerten zugeht, wo sieben wackere Orgelklangfetischisten das Fähnlein der Getreuen halten.

Aber sicher weiß ich, dass bis dato kaum ein Orgelbuch erschienen ist, das in derartig guter Aufmachung, in solch grundsolider Recherche und dazu noch eines der spannendsten Kapitel der deutschen Orgelgeschichte sachgerecht serviert. Dabei wird auch verstanden die Spannung wie in einem Kriminalroman bis ans Ende aufrecht zu erhalten.

Ganz großen Dank an Thomas Lispki für diese mühselige Kleinarbeit, die wieder einmal zeigt, was gute Musikwissenschaftler zu leisten in der Lage sind.

Es war mir eine unheimliche Freude, im Laufe der letzte vier oder fünf Jahre ab und zu mit Thomas Lispki über dieses Buchprojekt telefonieren zu können, weil das Thema mich immer schon interessiert hatte.

Auch später deshalb, weil wir mit unseren Orgeltätigkeiten einen gewissen Höhepunkt nach dem Untergang des Hauses Walcker im Jahre 1999 in der Restaurierung der Walcker-Konzertsaal-Orgel in Bukarest hatten, was übrigens zur Folge hatte, dass wir heute an der Konzertsaalorgel in Rom, Santa Cecilia tätig sein dürfen, die  leider nur noch das Gehäuse von Walcker hat, dafür aber einer ganz eigenwilligen Idee  des großen Lehrers und Orgelspielers Fernando Germani in Sachen „Neobarockorgel“ folgt.

Für alle Fachleute, die das alles weniger interessieren wird, sei gesagt, dass in diesem Buch rund achtzig Orgeln besprochen werden und in System und Disposition beschrieben sind.

Das Buch hat insgesamt 437 Seiten. Es beginnt im I.Teil mit Historischen Aspekten (in England, Frankreich, die Reformbewegungen im 20Jh., Konzert – und Saalorgel des Dritten Reichs). Im II. Teil werden besprochen, die Akustik der Konzertsäle, Prospektgestaltungen und Positionierungen im Konzertsaal, es werden alle technischen Windladensysteme erläutert. Dazu kommen Erklärungen zu Spieltischeinrichtungen, Windversorgung, pneumatische Balanciers und elektrische Trakturen. Auf über 25 Seiten wird sehr dezidiert auf die klanglichen Innovationen eingegangen.

Hier ist sehr interessant die Erläuterung des dynamischen Dispositionsprinzips und leider etwas zu wenig, die Bedeutung der Mensuren. (würde aber den Rahmen des Buches sicher sprengen).

Der wichtigste und bedeutendste Teil ist natürlich der III. Teil, die Dokumentation der verschiedenen einzelnen Orgeln.

Das ist auch sehr gut mit den schwarz-weißen Fotos gelungen, die gut ins Buch integriert wurden.

Nach meiner Zählweise sind es 75 Orgeln bis 1945, dann werden noch die historischen und neugestalteten Orgeln in Wien Musikverein, Wien Konzerthaus, Salzburg Mozarteum und Zürich Tonhalle sehr gut mit Dispositionen erwähnt.

Ich denke, dass man die ersten beiden Teile des Buches mit größter Freude und erheblichem Gewinn rasch durchlesen wird und das der III.Teil für viele Leser seine Spezialitäten haben wird, die man einfach wissen will. Dann aber steht das Buch als gutes Nachschlagewerk im Regal, das bei vielen Fragen umfangreiche und genaue Antworten weiß.

 

gwm (bei 35Grad in Rom)

 

Hans Henny Jahnn – Briefe an Walcker

Sonntag, März 7th, 2010

Hans Henny Jahnn -Briefe 1913-1940 und 1941-1959

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Rund 1300 Briefe von Hans Henny Jahnn sind in besagten zwei Bänden enthalten. Davon sprechen etwa 100 Briefe über den Umgang mit Walcker, was für uns hier von historischer Bedeutung sein könnte.

Beim Studium dieser Briefe darf man jedoch nicht Maßstäbe anlegen, wie sie unter normalen Menschen in ihrem Korrespondenzwesen wohl üblich sind. Denn der Egomane Jahnn hat damit alles andere als sachlich in Orgelfragen hineingeleuchtet. Wir finden unheimliche Überzeichnungen sobald er seine Person zu werten anschickt und wir finden völlige Verstellungen, wenn andere in Position gebracht werden sollen, die womöglich gegenteiliger Ansicht sind. Diese Verzeichnungen sind im Briefwerk von Hans Henny Jahnn, der ganz hervorragende Briefe schreiben konnte, in so bedrückender Form enthalten (ich gelte als der größte Orgelkonstrukteur Europas.., wenigstens 3 Orgelfirmen von Weltruf haben mir dies zu verdanken), dass sie beinahe wie kabarettistische Einlagen wirken.

Der historische Wert dieser Briefe ist daher begrenzt. Man fühlt sich mangelnder Rechtschaffenheit ausgeliefert und glaubt am Ende nicht mehr alles.

Es gibt einen interessanten Beitrag im Spiegel-Archiv, der bei Herausgabe dieser Bände im Jahre 1994 im wesentlichen gut durchdachte Kritiken enthält. In einem Gemisch aus Erwähltheit und Ausgestoßenheit findet sich der gestrandete Wal Hans Henny Jahnn in der falschen Gesellschaft.

 

Hier ein paar Geschmacksproben, die bei Bedarf ergänzt werden.

 

aus BAND 2 Seite 1455 Namensregister

Walcker (Firma) 1006, 1089, 1090

Walcker-Mayer, Werner  Ehemann von Oscar Walckers Tochter Hilde. Nachfolger von O.Walcker in der Orgelbauanstalt E.F.Walcker & Cie. Der Briefwechsel beginnt mit Antritt der Geschäftsübernahme nach dem Tode von Oscar Walcker und wird unregelmäßig bis zu Jahnns Tod geführt 999  (Ergänzung/ Berichtigung: Werner Walcker-Mayer war der Enkel von Oscar Walcker, Sohn von Hildegard Walcker-Mayer und Felix Mayer, gwm)

Walcker, Helene geb Bruhns in Odessa, Ehefrau von Oscar Walcker 637

Walcker, Oscar (1869-1948) Orgelbauer, Inhaber der Firma Walcker in Ludwigsburg. 1.Vorsitzender des Verbandes der Orgelbaumeister Deutschlands e.V. (1926) W. war Mitglied in der Ludwigsburger Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ im III.Grad (Aufnahme 1897). – Erste Jahnn-Begegnung fand anlässlich des Straube-Konzertes auf der Praetorius-Orgel 1922 in Freiburg statt. Der umfangreiche nahezu lückenlos in der SUB überlieferte Briefwechsel beginnt bereits im Mai 1922 mit einem Dankschreiben Walckers über die Zusendung des Aufsatzes „Die Orgel und die Mixtur ihres Klanges“. Intensivste Geschäfts-Korrespondenz in den Jahren der Zusammenarbeit von 1931 bis 1939; während des Krieges entsteht ein locker geführter Austausch über theoretisch-harmonikale Fragen; die einjährige Verspätung der im November 1942 begonnenen und im Dezember 1943 fortgesetzten Antwort Jahnns auf W.s Brief von 25.September 1942 wurde von Walcker, wie aus dessen Antwort vom 4.Januar 1944 ersichtlich, nicht bemerkt. (Br.Nr.828) – Intensivere geschäftliche Korrespondenzen wurden nach 1947 geführt.- Die 1909 bis 1912 von W. erbaute Orgel in der Michaelis Kirche in Hamburg gehörte zu Jahnns jugendlichen Musikerlebnissen, (Siehe Tagebucheintragungen 8.September 1913, Frühe Schriften I, S. 164)

123, 137, 145, 147, 148, 152, 156, 173, 257, 258, 275, 280, 288, 296, 300, 303, 304, 308, 309, 310, 320, 331, 336, 338, 343, 344, 354, 359, 364, 366, 369, 371, 378, 379, 381, 382, 383, 386, 388, 389, 390, 391, 396, 399, 463, 466, 467, 469, 477, 484, 491, 494, 500, 509, 513, 526, 541, 549, 571, 581, 599, 600, 616, 632, 637, 638, 651, 656, 657, 674, 675,690,700, 706, 790, 793, 794, 796, 828, 835, 838, 889, 914, 999

– baut Reichsparteitagorgel Nürnberg 547

– bekommt große Hirschparkorgel 341

– Lebenserinnerungen 829

– Orgel Aachen, Christuskirche 700

– Oskalyd-Orgel im Palast-Kinotheater Kopenhagen 657

– Straßburger Orgel 751

 

Briefzitate

 

Brief 637

aus BAND 1 Seite 1077

26.09.1937

an Judith Kárász

(…) Bei Walcker bin ich herzlich empfangen worden. Darüber hinaus nichts. Der Doktor selbst ist älter und verächtlicher gegen die Zeit geworden, seine Frau hatte einen Autounfall, 4 Monate Krankenhaus. In den Tagen meines Besuches war sie zum ersten Mal wieder ausgegangen.

Die Geschäftslage ist schlecht; man versuchte es zu verbergen. Ein paar Auslandsaufträge nach dem Balkan, Australien, die Staatsaufträge halten den Betreib am Leben. Furtwängler und Hammer in Hannover haben die Zahlungen eingestellt. Es ist mir jedenfalls klar geworden, dass die Zukunft des deutschen Orgelbaus ungewiß geworden ist. Das unerträgliche Gedröhn der Siegesorgeln aus der Zeit nach 1871 deckt die Reformgedanken zu. Die Qualität erliegt den Notwendigkeiten. Sie gefriert gleichsam tief unter der Oberfläche; man spricht noch davon. Walcker sagte mir, alle Wissenschaftlichen Untersuchungen hätten mich glänzend gerechtfertigt; der Siegeszug der Schleiflade sei nicht aufzuhalten. Meine Materialtheorie werde auf den Prüfungsämtern als richtig befunden. Der gesamte Orgelbau wünsche sich, unter meinem Befehl zu stehen. Aber leider würde er von Männern kommandiert, die unerschrocken eine andere Meinung vom Geiste der Orgel hätten. Die Harmonik habe ausgespielt. Die Militärmusik werde auch den Klang der zukünftigen Orgel bestimmen. (…)

Anmerkungen von Gerhard Walcker-Mayer: Dieser Brief von Jahnn lässt mich an seiner Aufrichtigkeit zweifeln. Denn es kann nicht sein, dass Oscar Walcker der „Harmonik“ den Laufpass gegeben hat, wo er doch wenige Jahre später Briefe zu schreiben beginnt an Hans Kayser und dessen harmonikales System für Disponierung der Orgel für geeignet hält. Während doch Jahnn mit starken Zweifeln geplagt wird.

Ein Oscar Walcker, der im gleichen Jahr an Körtzinger( Brief vom 27.05.1937) schreibt: „(…) Es ist keine Frage, dass die Kunst und Kultur des 17. und 18.JH außerordentlich groß war, aber diese Zeiten sind uns fremd geworden, insbesondere fehlt uns doch im großen Ganzen die tiefe religiöse Einstellung, die in jener Zeit die Menschheit gehabt hat und der größte Fehler der deutschen Orgelbewegung scheint mir darin zu liegen, dass man das 19. Jahrhundert ausschalten möchte und alles was die Kunst und Musik damals gegeben hat, als romantisch und minderwertig ansieht. Und doch wurzelt unser Volk heute noch tief im 19.Jahrhundert. (…)“ Dieser Oscar Walcker soll also den Wunsch geäußert haben, Jahnn zum Befehlshaber des ganzen deutschen Orgelbaus zu haben. Völlig unglaubwürdig. Diese Unglaubwürdigkeit wird noch gesteigert dadurch, wenn man Äußerungen von Oscar Walcker zu der Person Hans Henny Jahnns hinzuzieht, die sich mehr und mehr verdunkeln zum Kriegsende hin.

 

Aus dieser Briefsammlung, die ich gerade begonnen habe, weiter zu studieren, werden hier bestimmt noch einige Beispiele gezeigt. Besonders dann, wenn diese Aufschluß geben können über wirklich interessante Orgeln aus diesen Zeiten, die überlebt haben.

 

 

gwm

Hans Henny Jahnn – buchvermerkt

Donnerstag, Oktober 1st, 2009

Dichter, Orgelbauer, Phantast, Revolutionär – alles dies Attribute die  dem unfassbaren Jahnn nur zeitweise und immer nur bedingt gerecht werden. Orgelbauer allerdings wollte er sein, musste er sein, bis zu seinem Ende in Armut, und vor allem in einem Zustande des Unverstandenseins. Als Orgelbauer wurde er bis heute am wenigsten anerkannt.

Nur eine einzige Schrift hat sich intensiv mit dem „Orgelbauer Hans Henny Jahnn“ auseinandergesetzt, und das ist eines der spannendsten Orgelbücher überhaupt, die ich gelesen habe, nach “ Markus Zepf -Praetorius“, „Robert Schneider – Schlafes Bruder“ nun also „Thomas Lipski – Hans Henny Jahnns Einfluß auf den Orgelbau“.

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an diesen verschiedenen Leseproben, die zwei ersten weißen Seiten zeigen das Inhaltsverzeichnis, soll gezeigt werden mit welcher Detailfreude und Zitierlust, der Musikwissenschaftler Lipski hier gearbeitet hat. Es werden  Hintergründe um „Reinoldi“ ebenso gezeigt, wie das gesamte Orgelschaffen HHJ und seine entsprechenden Gedanken dazu.  Endnote: absolut-ohnbedingt empfehlenswert.

Erst nach Lektüre dieses Buches leuchtet auf, warum uns in den nicht mehr vorhandenen Orgelwerken HHJahnn’s, Instrumente fehlen, die unwiederbringliche Zeitzeugen eines großartigen Künstlers waren, und die uns heute mit Sicherheit eine großartige Klangdimension offenbaren könnten, die wir so als rettungslos verloren sehen müssen.

Rüdiger Wagner – Hans Henny Jahnn – Der Revolutionär der Umkehr

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Wagner beschreibt HHJ aus seinen großen mythischen Romanen „Fluß ohne Ufer“ und „Perrudja“. Und er zeigt dessen Leben im Angesichte der Orgelbewegung, der Zeit-Umstände und dem Ende zu mit Zweifeln an der Harmonik. Hanns Henny Jahnn wird einem in diesem Buch am sympathischsten geschildert.

Das Entsetzen Jahnns vor bestimmten Methoden der Wissenschaften (siehe drittes Blatt – rot markiert- (…) was für tolle Barbaren sind wir!) erinnern mich sehr stark an Worte eines anderen Idealisten, die sonst kaum miteinander verglichen werden können, nämlich an Albert Schweitzer.

Die stark erotisch betonten Komponenten im Denken und Wirken Hans Henny Jahnns sparen beide genannten Autoren aus. Mit Sicherheit zu Recht, da in solche Dinge erfahrungsgemäß mehr hinein interpretiert wird, als tatsächlich darin enthalten war. Die nachfolgenden beiden Bücher touchieren das Thema leicht, und dann klingen manche Ideen des jungen Hans Henny Jahnn in heutiger Zeit überaus grotesk:

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 Fluß ohne Ufer – Schriftreihe der Hamburger Kulturstiftung, in diesem gut bebilderten, hervorragend gemachten Band, wird das Leben Hans Henny Jahnns sehr schön geschildert und mit vielen seiner wunderbaren Wortschöpfungen angereichert. Auch hier endigt der Band mit einer gewissen Auflösung des „harmonischen Weltbildes“ und einem Brief Jahnns an Ludwig Voß, in dem der Glaube in Zweifel umschlägt. „Die Stille der Nacht war deutlicher denn je!“ (FLuß ohne Ufer S. 372-374)

Hans Henny Jahnn – Ugrino – Die Geschichte einer Künstler – und Glaubensgemeinschaft, von Jochen Hengst und Heinrich Lewinski.

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Dieser Band bereitete mir vor allem deswegen einen Genuss, weil hier teilweise die „Ugrino-Verfassung“, die Dogmen der Glaubensgemeinschaft, die etwa von 1919-1925 bestand, aufgeführt sind. Wer das zweite Blatt gelesen hat, versteht, um was es dort ging. „Frauen ist der Zugang zur Oberleitung versagt (ein grauenhaftes Wort, das später erläutert wird, es bedeutet das Triumvirat bestehend aus Hans Henny Jahnn, dem Bildhauer Franz Buse und F.Gottlieb Harms, welche die oberste Instanz der Ugrino-Gemeinschaft darstellen) Sie sind davon – auch als Freunde – ausgeschlossen, weil sie Kinder gebären können. § 18n.

Auch der ebenfalls unter „Genie“ abgehandelte Paragraph (Blatt 2) ist lesenswert und offenbart ein extrem von der bestehenden Gesellschaft abgewandtes Verhalten, also das einer recht fanatischen Clicke, die uns heute sehr seltsam anmutet. In der damaligen Zeit waren solche Gruppierungen (Hesse-Glasperlenspiel) nicht unbedingt selten. Mit Sicherheit haben diese Formulierungen HHJ’s Leben im Kirchenbetrieb sehr schwierig gestaltet und für Zündstoff in der folgenden Nazizeit gesorgt. Dennoch ist bemerkenswert, dass Jahnn von Zürich aus mit Walcker in Geschäftskontakt war und die eine oder andere Disposition mit Mensuren gestaltete.

Von Jahnn selbst habe ich das im antiquarischen Markt extrem teuer gehandelte Bändchen “ Hans Henny Jahnn – Der Einfluß der Schleifwindlade auf die Tonbildung der Orgel“ gescannt und stelle es hier zur freien Verfügung.  hhj_sl_ugrino.pdf

Am Schluß möchte ich noch auf eine Merkwürdigkeit der letzten Tage eingehen, nämlich auf Hans Henny Jahnn als „Daniel in der Löwengrube“, wie angemerkt von  Henny Jahn alias Walentowitz, im ARS ORGANI 3/2009.

Man tut dem Ideal nichts Gutes indem man ihn aus dem allermenschlichsten Bereich ins Jenseits erhebt. Niemand im Dritten Reich hat sich Hitler und seine Gang ausgesucht, in dem Sinne, dass man das ungeheure Maß dieses Verbrechertums vorausgesehen hat. Und kein Mensch heute kann genau abschätzen, wie er sich in einem solchen Denunziantenstaat verhalten würde, wo jederzeit Auschwitz oder Dachau gedroht haben. Heutztage also berühmte Namen an die Wand zu malen und als charakterlose Lumpen abzuhandeln, nachdem die Nazis 6 Jahre lang gewütet haben – das ist schon eine sehr gewagte Selbstüberhebung.

Hans Henny Jahnn war im Orgelbau seiner Zeit angekommen und geschätzt. Ein Problem bereitete seine künstlerische Persönlichkeit und seine auf  Eros gründende Kunst. Dies waren Dinge, die natürlich besonders in der braunen, kleinbürgerlichen Enge der damaligen Zeit extrem schlecht ankamen. Auch heute würde das in dem anstehenden „postfundamentalen Christentum“ der „Provinz Hamburg“, das durchaus mit „Enge“ zugepflastert ist, zumindest mit völliger Ignoranz gesegnet werden. Im Süden stehen die Zeichen noch wesentlich schlechter, hier herrschen teils bürokratische Diktaturen die kaum noch durchschaut werden können. Vielleicht hätte Jahnn mit einem Außenminister Westerwelle in Berlin keine Probleme. Allerdings bin ich mir da nicht ganz so sicher.

Hier noch ein paar Links auf Hans Henny Jahnn auf unseren Seiten:

Proportion I

Hans Henny Jahnn schrieb bereits im Jahre 1940 in einem Brief an seine Geliebte Judit Später verdichtet sich in Jahnn dieser Zweifel mehr und mehr,
www.walckerorgel.de/gewalcker.de/seite11.htm

[PDF]

Wunderlich

21. Jan. 2006 Hans Henny Jahnn habe berechtigterweise Zweifel an den Fähigkeiten der Firma Kemper gehabt. Wobei hier unterschiedliche Auffassungen mir
www.walckerorgel.de/gewalcker.de/wunderlich.htm

JahnnundOW

Roswitha Schieb. „… die riesenhafte Panflöte der Orgel …“ Hans Henny Jahnn und der Ludwigsburger Orgelbauer Oscar Walcker
www.walckerorgel.de/gewalcker.de/inner_c/jahnnundow.htm gwm

Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte

Dienstag, September 8th, 2009

Roland Eberlein, Orgelregister, ihre Namen und ihre Geschichte, erschienen 2008 im Siebenquart-Verlag Dr. Roland Eberlein, 766 Seiten

 

Es ist nicht einfach diesen Band mit einem klaren Wort zu fassen. Grund dafür sind vor allem die mehr oder weniger „mängelbehafteten“ Vorgänger, ob sie nun „Mahrenholz“, „“Locher“ oder sonst wie heißen mögen.

Der Tanz um Orgelbegriffe und ihre Auslegungen hat mit der wissenschaftlichen Methodik nicht abgenommen, sondern führt mit neugefundenen Worthülsen zu immenser Begriffsinflation in Spezialgebieten, wie den des Orgelbaus, was sich besonders leicht und deutlich mit Computermechanik nun endlich endlos aufblähen lässt.

Und genau das Gegenteil wäre erwünscht, nämlich Vereinfachung, Reduzierung aufs Wesentliche, weg mit allem unnötigen Ballast: klare Denkstrukturen und reine Horizonte. 

In heutiger Zeit ein solches Buch zu schreiben, da liegt es auf der Hand mit Computerunterstützung zu arbeiten und es wird auch direkt am Ende des Buches auf die CD-Rom mit Orgelregisterdatenbank zu weiteren 50.–€ eingeladen.

Ich persönlich halte diese Kombination jedoch für den Orgelbauer für absolut zeitgemäß und richtig, habe allerdings meine Probleme (nach den ersten 100 Tagen begeisterter Verwendung des Bandes) mit diesem Lexikon, einmal in der praktischen Handhabung und ein anderes Mal im schnellen Auffinden wichtiger Information.

Um das zu erklären, möchte ich mein Ideal kurz vorstellen.

Nehmen wir an, ich suche eine Rohrflöte 4’, wie sie im süddeutschen Raum um 1850 üblich war. Im idealen Fall finde ich eine Skizze mit den wichtigsten Maßen und C-Mensuren von Walcker, Steinmeyer, Wetzel, und einen kurzen Hinweis auf den Klang, was immer irgendwie subjektiv gefärbt sein darf. Oder es gibt eine Klangprobe aus der Datenbank, am besten noch der zusätzliche Hinweis, wo man das Register heute noch auffinden kann.

Bei Eberlein finden wir zum Thema „Rohrflöte“ rund 4 sehr enggedruckte Seiten (wie alles in diesem Buch natürlich enggedruckt ist), aber mit 7 verschiedenen Mensuren von 1511 bis zur heutigen Zeit. Alleine diesen Artikel durchzuarbeiten benötigt man rund 20 Minuten, wobei eben das Problem auftritt, dass die Historie nicht linear dargestellt wird. Sondern es werden die unterschiedlichen Bauweisen und Funde  in verschiedenen Ländern gezeigt. Mir ist nicht klar, ob dahinter eine Systematik steckt. Das Positiv von Strobel 1559 kommt relativ am Ende des Artikels. Man kann also nicht von „hinten nach vorne lesen“ oder sich irgendwie in einem „Zeitrahmen“ bewegen.

Ein weiteres Beispiel „Italienisch Principal“.

Dazu möchte ich noch kurz zur Einleitung des Buches zurückkehren.

Hier begründet Eberlein völlig zu Recht, dass er nicht auf dem Werk von Christhard Mahrenholz „Die Orgelregister, ihre Geschichte und ihr Bau“ aufbauen konnte, weil das Buch von ganz gründlichen Irrtümern nur so wimmelt. Und nach meiner Auffassung nicht nur das, sondern es ist ein ideologisches Machwerk, das Mahrenholz besser „Mein Kampf um die Orgelregister“ hätte titulieren sollen. Und Eberlein weist sehr gewissenhaft die Mahrenholzschen Fehlleistungen nach, so dass man also nach Studium des Vorwortes sehr gut über diese Zusammenhänge informiert ist.

Nun aber im Lexikonteil unter „Italienisch Principal“ weitere Attacken auf Mahrenholz und Jahnn zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Da denkt man, die Sache sei ausgestanden, aber es finden weitere Hiebe statt: „Aber unfaßbarerweise hat der als Wissenschaftler ausgebildete Christhard Mahrenholz Jahnns Vorstellung von „italienischen Principal“ unbesehen in das damalige Standardwerk über Orgelregister übernommen und diesem Hirngespinst obendrein eine zentrale Position in der Geschichte der Registerentwicklungen beigemessen als Stammvater der weiten zylindrischen Flötenregister (siehe Einleitung), obwohl ihm unmöglich verborgen geblieben sein kann, dass keine Fakten vorlagen, auf die sich Jahnns Behauptung stützen konnte.“

Tatsächlich weist Eberlein schlüssig nach, dass Jahnns Annahme von einer weiten Mensur der italienischen Principale, was Mahrenholz unbesehen übernommen hatte, absolut unhaltbar bleibt.

Aber, und jetzt kommt der Hasenfuß, Eberlein bringt nicht eine einzige Mensur oder einen winzigen Hinweis aus einer typisch italienischen Orgel, wo dieser Nachweis in Zahlenform aufleuchtet, sondern nur einen lapidaren Satz: „Der Unterschied zwischen Italienisch Principal und normalem, „deutschen“ Principal reduzierte sich mithin auf eine etwas flötigere Intonation und eventuell etwas schmalere Labiierung des Italienisch Principals.“

Das ist aber zu wenig und rechtfertigt in keinem Falle die zuvor gemachte Polemik.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bornefeld in Murrhardt, der im Hauptwerk der Murrhardter Orgel nur ein Italiensch Principal 4’ disponierte und keinen dem Prinzipalpleno angemessenen „deutschen“ Principal, und wie Bornefeld mit gleicher Auffassung wie Mahrenholz argumentierte. Nach aller Erkenntnis heute, wäre ja eine Diskussion um richtig oder falsch disponiert nur im Angesichte der reinen nachweisbaren Zahlen (Durchmesser und Labienmensuren) zu führen, und nicht mit der Begründung, das wird halt etwas flötiger intoniert.

Conclusio: Wir Orgelbauer werden immer gerne auf den „Eberlein“ zurückgreifen, weil so umfassend noch keiner ein Buch über Orgelregister hat schreiben können. Dennoch ist es berechtigt Warnungen auszustoßen. Zum Beispiel könnte man heute via Datenbanken großartige Bücher über Orgeln und ihre Dispositionen schreiben oder sonstwie, das „flüssige“ Wort der Datenbanken wie weiland der Zauberlehrling den Besen auf die Orgel-Menschheit loslassen, das in der biblischen „Sprachverwirrung=Babylon=Barbaria“ endet. Das schlimmste Übel, das das Alte Testament kannte, und das mit höchster Wahrscheinlichkeit unsere heutige Zeit mehr betrifft als andere Zeiten.

Heutzutage bin ich eher der Auffassung zu sagen: Jedes Buch, das nicht geschrieben wurde, ist ein gutes Buch, – weil es stört mein Interesse nicht, das heißt meine Ablenkung vom Thema wird minimiert. Denn das Thema muss immer irgendwie heißen: „Liebet Eure Orgeln, und auch Eure Frauen!“

Und mit diesem Satz, den auch Albert Schweitzer gesagt haben könnte, möchte man ja eigentlich nur andeuten, dass all dieser ganze abstrakt aufleuchtende Kosmos an Begriffen und Worten ums Thema Orgel uns immer auch vom Wesen der Orgel etwas ablenkt.

Oder – das große Geheimnis um Orgel und Orgelmusik kann eben auch vom Wort erstickt werden.

gwm

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Handbuch der Orgelkunde, Winfried Ellerhorst, 1936, online-Ausgabe

Donnerstag, Februar 12th, 2009

Das Handbuch der Orgelkunde, kurz „der Ellerhorst“ hat jeden Orgelbauer irgendwann gestreift, und sei es nur im negativen Sinne. Der über 840 Seiten schwere Wälzer wurde von einem begeisterten österreichischen Orgelfreund gescannt und Scan samt Buch wieder an mich retourniert. Wir hatten uns vorher geeinigt das Ganze dann online allen Interessenten zur Verfügung zu stellen.

Was bietet uns dieser Band? Eigentlich müsste man ein PDF online stellen, das textlich abgefragt werden kann, damit der Vorteil der lexikalischen Behandlung hier genutzt werden kann. Dies ist aber aus technischen Gründen z.Zt. nicht möglich. Wahrscheinlich wird solch eine Variante Ende des Jahres von mir per DVD zur Verfügung gestellt. Die hier vorliegende Form ist ein komprimiertes PDF-Format, das insgesamt rund 85MByte beansprucht.

Am Inhaltsverzeichnis erkennt man schnell wohin der Hase rennt: I)Grundlagen der Mathematik, Physik, II) der Klang III) Werkstoffe IV) Der Klangkörper der Orgel V) Stimmung der Orgel VI) Winderzeugung und -leitungen VII) Windladen VIII) Die Steuerung der Orgel IX) Der Spieltisch X)Die Dynamik der Orgel XI) Stellung der Orgel im Raum XII) Aufbau der Orgel (Statik, Gehäuse etc) XV) Entwicklung Orgelklangstile XVI) Geschichte ORgelmusik und dann noch Orgelbauer, Orgelsachberater und Vergebung von Orgelbauten, Pflege der Orgel.

Insgesamt also eine rein technische Sicht zur Orgel in der Zeit der 30er Jahre. Also eine sehr begrenzte Perspektive.

Ich denke, dass zur Restaurierung der Instrumente der damaligen Zeit das Hinzuziehen des „Ellerhorst“ immer eine interessante Bereichung darstellt. Bei der technischen Seite allerdings ist schon allein aus der veralteten Formeldarstellung ein gewisses Problem. Hinzu kommt, dass Ellerhorst eine Menge an Formeln eingebracht hat, die kein normaler Orgelbauer je benutzt hat. Ganz gut aber sind die verschiedenen elektropneumatischen Kästchen dargestellt und Steuerungen aus dieser Zeit.

Heute wäre es eigentlich an der Zeit eine griffigere Variante zu erstellen, die mit all dem unnötigen und weit ausholenden Erläuterungen Schluss macht. Ansätze dazu bietet Mahrenholz und Goebel. Dazu wäre eigentlich nur erforderlich die wichtigsten Hebelgesetzte, Windberechnungen, Elektrik und gegenwartsbezogene Elektronik einzubinden. Wenn man dazu noch in der Lage wäre dieses ganze Rechnen in computergestützte Formen einzubringen, würde Ellerhorstens Werk wohl auf 100 Seiten sein Ende finden.

Aber dazu werden wir es im Orgelbau wohl nicht mehr bringen, weswegen die alten Schlachten immer wieder neu geschlagen werden müssen und dann die alten, überlebten Bücher wieder und wieder aufgeschlagen werden müssen.

Das vorliegende Buch hat zwischen Seite 65 und 80 produktionsbedingt fehlende Seiten.

hier also nun : Ellerhorst“Handbuch der Orgelkunde“ PDF 87 MB

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Abbé Vogler, als Mensch, Musiker, Orgelbautheoretiker – Emile Rupp, 1922- onlineBuch

Sonntag, Februar 8th, 2009

Donnergrollen vor dem Anbruch der Orgelromantik: Abbé Vogler – als Mensch, Musiker und Orgelbautheoretiker unter besonderer Berücksichtigung des sog. „Simplifikationssystems – von Prof. Emile Rupp, 1922 gedruckt in Ludwigsburg.

Abbé Vogler, der geniale Feuergeist, der tiefgründig-intuitive Theoretiker, der Schöpfer unserer ganzen modernen Orchestration…aus diesen einleitenden Worten Emile Rupp’s spricht schon seine ganze Einschätzung dieser Person „L’Abbé Vogler“, den Rupp als die grundstürzende, heute würde man sagen, „paradigmatische“ Gestalt bezeichnet, die in der Morgenröte der musikalischen Romantik auftaucht, als Lehrer von Weber und Meyerbeer in Erscheinung tritt, auch als Wegbereiter für die Orgelideen von Eberhard Friedrich Walcker, und dann erst wieder bei der im Nachhinein gemachten Erläuterung der Ideen der Elsässischen Bewegung, die mit dieser Schrift einen wichtigen Bezugspunkt zum europäischen Orgelbauschaffen bekommt. Es ist übrigens die einzige Schrift über Vogler, die sich intensiv mit seinem Simplifikationssystem auseinandersetzt – und wer Rupp kennt, weiß, dass es hier keine Oberflächlichkeit gibt. Zutiefst interessant und sehr gut verständlich dargebracht.

Beide Orgelbaumeister der neuen Zeit im früher 19.JH waren von den Ideen Voglers begeistert: Eberhard Friedrich Walcker, der bei Besuchen Aristide Cavaillé-Coll’s diese Gedanken seinem Kollegen weitergab.

Oscar Walcker hat sich bei Rupp um 1905 erkundigt, welche Bedeutung denn Vogler’s Vorstellungen im Einzelnen haben, so weit vergessen war also dieser Mann bereits Anfang des 20.JH wieder. Es überrascht uns nun nicht mehr, dass Rupp mit Walcker direkt nach dem Krieg dieses Büchlein mit rund 55 Seiten auf den Weg brachten, wohl eine erste Friedensanstregung zwischen Deutschen und Franzosen und im Angesichte der Orgelbewegung eine ganz enorm wichtige Schrift.

Natürlich verwundert es uns nicht, dass es ein Buch Rupp’s ist, der Vogler so vereinnahmt, dass man ihn an manchen Stellen kaum noch zu erkennen vermag. Aber das ist eben Imagination und lebendige Interpretation und unser heutiger, historisch durchwachsener Blick, mit dem wir heiter, beinahe verzückt die Polemik Rupp’s uns zuführen: Fallen nun auch diese Experimente (der Grundtönigkeit) in eine gewisse karnevalistische Periode des Orgelbaus, deren wir heute mit dem Lächeln der Erlösten gedenken, so war doch die falsche Einschätzung der künstlchen und falschen Obertöne im Orgelbau eine Folge des Strebens nach falschen dynamischen und koloristischen Idealen, welche durch die Auferstehung J.S,Bachs und das vollständige Durchdringen der elsässisch-neudeutschen Orgelreform heute als endgültig überwunden betrachtet werden können. Also es ist auch eine Schrift der Bewegung. Und meiner Meinung nach eine grundgesunde Sache der Be-Welt-igung.

Hier das komplette Buch als PDF-Variante in komprimierter Form.

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Die Freiburger Praetorius Orgel, Markus Zepf, 2005, Rombach-Verlag

Donnerstag, Februar 5th, 2009

Auf der Suche nach vergangenem Klang.

Das Buch von Markus Zepf, an dem ich in geringem Umfang durch Materialbeistellung etwas mitwirken konnte, war für mich seit seiner Geburtsstunde ein unheimlich spannendes Erlebnis, das, als es mir dann endlich in gedruckter Form in Händen lag, einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen hat.

Die Zeit der 20er Jahre wäre, würde man das Kunststück vollbringen können, die Nazis aus dieser Zeit auszuschliessen, wohl das spannendste Kapitel der deutschen Literatur und damit verwoben auch der deutschen Orgelbaukunst geworden sein. Wobei darüber nichts gesagt sein soll über irgendwelche Qualitäten von Kulturstufen, wie das vielleicht von Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“ tiefsinnig getan wurde. Je weiter wir aber von dieser Zeit abrücken, um so exotischer wird diese Zeit für uns. Daher sind wir als Nachkriegsgeneration immer dankbar, wenn es Einer geschafft hat, zurückzukriechen ins mythische Dunkel dieser verschlossenen Epoche, um dort ein paar Silberbarren herauszuschälen aus diesem Gebirge, und uns Klarheit zu verschaffen, wie es denn da war, als man fundamentale Orgeln baute, wie jene „Praetorius“ auf Taschenladen, was dann eine ganze Orgelnation bewegt haben soll.

Jedenfalls hat Markus Zepf als umfassend gebildeter Akademiker das Thema „Praetoriusorgel“ und „Klangideale“ so glasklar im Griff gehabt, als der dieses Stück Literatur geschaffen hat, dass er ganz spielerisch die Zusammenhänge mit dieser Zeit „tanzen“ lassen konnte . Und in der Tat werden hier die Klänge und Klangvorstellungen aller Orgelepochen unter die Lupe genommen und auch in Form von Zahlen auf den Tisch gelegt. Wir erfahren etwas über die nicht unproblematischen Begriffe wie „Barock-Orgel“, was Gurlitt in „Früh-Hoch-Spätbarock gliederte und damit den periodischen Wechsel der Zeiten zur Geltung kommen lässt. Und wir erfahren auch die Problematik die hinter solchen Begriffseinteilungen steht.

Das Buch ist in drei Hauptteile unterteilt, 1) die Elsässische Orgelreform 2) Das Instrument aus dem Geist der Musikwissenschaft Die Praetorius Orgel von 1921 und 3) Zur Rezeption der Praetorius-Orgel mit der Freiburger Orgeltagung von 1926

Alle drei Teile werden abschliessend und schön übersichtlich am Ende zusammengefasst erneut serviert.

Das Buch ist für das Verständnis der Nachkriegsbewegung ab 1945 und der Bewegung in den 20er Jahren eine unglaublich große Hilfe, weil viele Bewegungen um Gurlitt, Jahnn, Mahrenholz, Schweitzer und Straube kaum in anderem Schrifttum der neueren Zeit so intensiv durchleuchtet wurden wie eben hier. Dr. Zepf ist Organist und geht die Sache auch durchweg von der hörenden Seite her an, man merkt unwillkürlich in vielen Stellen des Buches, dass hier ein praktisch erfahrerener Orgelspieler und nicht nur ein Schreiber an einer wichtigen Studie gearbeitet hat.

Das Buch wurde von mir bereits zum zweiten Mal gelesen, was überhaupt nicht schwer fällt, denn der Schreibfluss ist durchaus harmonisch bewegt und man kommt in seltensten Fällen ins Stocken. Spannend wird berichtet, wie bei einer aktuellen Reportage.
Pluspunkte:

  • gute Darstellung der historischen Zusammenhänge !!
  • sehr gute Darstellung von Mensuren, Zungen mit Dicken, Kehlenbreiten etc.
  • gutes Literaturverzeichnis
  • sehr gute Lesbarkeit des ganzen Buches

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und hier zwei Seiten

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Die Entwicklungsgeschichte der Orgelbaukunst, Emile Rupp, 1929

Dienstag, Februar 3rd, 2009

 

„Die Entwicklungsgeschichte der Orgelbaukunst von Emile Rupp“ ist einer der wenigen Klassiker der deutschsprachigen Orgelliteratur. Rupp ist einem als Leser ad hoc sympathisch. Kein hohles Gerede, oder abgeschriebene Geschichten, sondern tief durchdachte Argumentation, aber auch fanatische Ansichten der ersten Stunden der Orgelbewegung erfreuen und beleben oder verführen zum Lächeln. Rupp ist Intellektueller, dessen Argumentation immer schlüssig, manchmal sogar verführerisch, selten trügerisch ist. Was Rupp will , ist, dass der Leser sich sein Denken und seine Ansichten erarbeitet oder sich selbständig mit seinen Gedanken auseinandersetzt – dies macht ihn ehrlich aber auch unbequem – durch jede Seite dringt es : hast du diese Dispositionstechnik nicht verstanden, so arbeite sie noch einmal durch. Schön sind solche Passagen : Als ich neulich an einem Bachabend den cantus firmus eines Choralvorspiels mit folgender Registrierung spielte :

S: Viola di Gamba 8, Flageolet 2, Nasard 2 2/3

P: Quintatön 8, Gemshorn 4, Doublette 2, Terzflöte 1 3/5

H: Rohrflöte 4

S.H. p: Bourdon 16, Violoncell 8

auf P.S. die Begleitung auf H.S. , wurde ich von sachkundiger Seite nach der „wunderschönen Solozungenstimme“ gefragt, die sich dann zur großen Überraschung der Fragesteller als eine Labiale Mischung obertonreicher Grundstimmen und grundtöniger Einzelaliquote herausstellte.

Seine Hasstiraden gegen Weiglesche Hochdruckstimmen und der verdummenden „Verfallszeit“ des deutschen Orgelbaus nimmt man Rupp weniger übel, da sie ausgiebig begründet werden. Von Vogler jedenfalls schwärmt Rupp, der das Echte und Wahre tatsächlich unterscheiden kann. Dieses Buch ist eine große Bereicherung für jeden Orgelfreund – wir haben es gescannt und stellen es seit längerer Zeit als PDF zur Verfügung.