Archive for the ‘Orgelmusik’ Category

Klinda, Ferdinand Orgelregistrierung

Sonntag, November 14th, 2010

Dieses Buch, das 1995 bei Breitkopf&Härtel in der 2.Auflage erschienen ist, was ganz sicher bei der gegenwärtigen Orgelliteratur eine besondere Auszeichnung ist, hat mich von Beginn an zutiefst begeistert.

Wir erfahren hier nicht nur etwas über die Orgelregistrierungen sondern ebenso über Orgelklang und Orgelgestalt. Und das natürlich immer, da sich das Buch zuerst einmal  an den Orgelspieler wendet, im Kontext zur Orgelliteratur, sprich zum Notenmaterial und den Kompositionen die für Orgel geschrieben wurden.

Also Historie, Orgeltyp- und Komposition, sein Klang und seine Beziehung zu den bestimmten Ländern und Zeiten darzustellen und  in einer dermaßen leicht zu lesenden Schrift zusammenzufassen, das war ein großes Kunststück, das Ferdinand Klinda hier gelungen ist.

Hier zunächst das Inhaltsverzeichnis des Buches:

Teil I Allgemeines zur Klanggestaltung

Einleitung

Historische Grundlagen der Registrierkunst

Theorien des Registrierens

Orgelbaukundliche Erkenntnisse

Probleme der Stimmungen

Registermischungen

Klangwechsel

Raumakustische Betrachtungen

Hörpsychologische Betrachtrungen

Der gute Geschmack

Teil II Stilregistrierungen

Registrierungen mittelalterlichen Orgelmusik

Registrierungen italienischer Orgelmusik des 16. bis 19.JH

Registrierungen niederländischer Orgelmusik des 16. bis 18.JH

Registrierungen  französischer Orgelmusik des 17. und 18.JH

Registrierungen englischer Orgelmusik des 16. bis 18.JH

Registrierungen spanischer Orgelmusik des 16. bis 18. JH

Registrierungen deutscher Orgelmusik des 16. bis 18.JH

Zur Registrierung de Orgelwerke Johann Sebastian Bachs

Registrierungen polnischer Orgelmusik des 17. und 18.JH

Registrierung der Orgelmusik des 19.JH

Registrierung der Orgelmusik des 20.JH

Klinda, Ferdinand (1995): Orgelregistrierunge /// Orgelregistrierung. Klanggestaltung der Orgelmusik /// Klanggestaltung d. Orgelmusik. 2., verb. Aufl. Wiesbaden u.a: Breitkopf & Härtel

 

Ich möchte auf unseren Blog über italienische Orgelregistrierung verweisen, wo ein größerer Auszug aus dem Buch vorgenommen wurde:

Grundlagen der klassischen italienischen Orgel und ihre Parallelen in Santa Cecilia

 Und ich möchte einen weiteren Auszug geben aus Kapitel 21 – Registrierungen der Orgelmusik des 19.JH.    

Kapitel 21

Registrierungen der Orgelmusik des 19.Jahrhunderts

 

Der für die Orgelmusik des 19.JH verwendete Begriff Orgelromantik schließt in sich viele unterschiedliche Stilmerkmale ein; darum bedeutet er kaum mehr als eine Sammelbezeichnung für einen allgemeinen, bereits im Bach-Zeitalter sich anbahnenden Entwicklungstrend. Die Musik des 19.JHs mit ihren  neuen inhaltlichen, kompositorischen und spieltechnischen Elementen entspringt einem geänderten Klangideal. Weil dies aber in krassem Widerspruch zu den Prinzipien der klassischen Orgelkunst steht, wurde die ganze Epoche der Orgelromantik, zumindest in Deutschland, aus der Sicht der Orgelerneuerungsbestrebungen des 20. Jahrhunderts lange als Verfallserschei­nung betrachtet und abgelehnt.

 

Die Klangwelt der Orgelromantik ist tatsächlich andersgeartet als die der vorherigen und nachfolgenden Epochen und kann nicht mit deren Maßstäben gewertet werden. Das Musikschaffen in der Zeit der Romantik basierte auf eigenen ästhetischen Grundsätzen und zielte auf andere Emotionsbereiche. Mit absoluten Wertschätzungen, mit klassischen Begriffen der Orgelkunde oder mit Berufung auf ein »immanentes Gesetz der Orgel« kann man nicht zum Verständnis der romantischen Orgelmusik gelangen. So wie in allen früheren Zeiten sind auch der romantische Orgelklang und seine Anwendung ein inte­grierter, unverwechselbarer Bestandteil der Epoche. Gewiß wird diese Musik auch auf anderen Orgeltypen gespielt - das ist das Schicksal aller Orgelmusik -, doch kann sie nicht nachträglich aus einem späteren Ideal erklärt oder »nachgestaltet« werden. Zum rechten Verständnis kommt man auch hier nicht ohne das Bewußtwerden der Einheit von inhaltlichem Erfassen und klanglicher Realisierung.

Charakteristisch und progressiv ist an der romantischen Klangästhetik, daß u. a. neue, bisher kaum beachtete Klangelemente Gewicht erhalten und auch inhaltlich eine bedeu­tende Rolle spielen, weil sie in nie dagewesenem Maße am Musikprozeß beteiligt wer­den.

 

Die wichtigsten Merkmale der romantischen Orgelklang-Gestaltung sind folgende:

 

1.  Die Dynamik erhält erstrangige Bedeutung. Statt der flächenhaften Klangbehandlung und der klassischen Werkkontraste werden progressive Steigerungen und Abschwächungen des Klanges als wichtige Bauelemente des Stückes verwendet und zugleich als Aus­drucksmittel auch in kurzen Abschnitten genutzt. Der werkmäßige Klangaufbau der Orgel wird aufgegeben und stattdessen eine dynamisch terrassenhaft gestufte Ordnung der Manuale eingeführt. Das erste, als Hauptmanual, ist das stärkste, jedes weitere ist zunehmend schwächer besetzt. Die Orgel wird als einheitlicher Klangkörper aufgefaßt, die Einzelstimmen werden in eine dynamische Hierarchie eingeordnet. Der dynamische Bereich der Orgel führt bis in Extreme: in kaum noch zu hörende Säuselregister und Sammelschaltungen aller Orgelregister zum Tutti.

2.  Im Bereich der Klangfarben entwickelt sich die Vorliebe für kleinste Unterschiede und Schattierungen innerhalb einzelner Registergruppen, für weiche, satte und dunklere Far­ben, für grundtönige Klänge mit mehr Fülle und Gravität, aber auch für streichende Klänge und solistische orchestrale Zungen. Die Dispositionen werden zunehmend grundtöniger, die 8′-Lage wird vorherrschend, höhere Fußtonlagen dienen nur zur Verstär­kung der Klangbasis. Hohe Mixturen und Zimbeln vermeidet man; krasse, scharfe und durch Obertonregister erzeugte synthetische Klänge sind unbeliebt. Die nun tiefer lie­genden und tief repetierenden Mixturen sollen lediglich die letzte Steigerung bewirken - auch sie dienen der Verstärkung des Grundtones. Auf den Tonhöhenwert der Ton­leiter wird erneut mehr Gewicht gelegt. »Hilfsstimmen« und gemischte Stimmen sollen »nur den Zweck haben, die Klangfülle durch Verstärkung der Obertöne zu vermehren, nicht aber das Gefühl für Tonhöhe in bezug auf verschiedene Oktavlagen gänzlich zu verwirren« (Hugo Riemann, Handbuch der Orgel, Berlin 1888). Von den Mixturen ver­langt man, daß sie weit mensuriert sind und nicht höher als auf 2′ anfangen. Die Oktav­chöre sollen das Übergewicht behalten, damit die Bedeutung des Haupttons eindeutig ist. Die Repetitionen werden als notwendiges Übel angesehen. Darum wird die nicht repetierende Progressio harmonica gebaut; das Kornett gilt als beliebteste gemischte Stimme - vielfach als Kornettmixtur einzige Klangkrone der kleineren Orgeln.

3.   Die Aliquoten erhalten eine andere Funktion, es kommt im Gebrauch zu einer Um­wertung. Diese nunmehr als »Neben-Register« oder »Hilfsstimmen« eingestuften Re­gister werden nicht mehr als Klangcharakteristika, sondern nur zur Unterstützung, Stär­kung und Färbung der 8′-Lage gebraucht und nie in Lückenregistrierungen, nur mit komplettem, massivem Unterbau eingesetzt. Das 16′-Register wird in jedem Manual verlangt, »da hierdurch erst die Tonfülle gesichert ist. Quintatön 16′ als einzige l6-füßige Stimme zu nehmen ist zu verwerfen, da diese keinen festen Grundton gibt« (A. Grosse- Weischede, Orgelbau, Orgelton und Orgelspiel, Bochum 1910).

4.  Die registrative Steigerung wird dementsprechend in einer anderen Reihenfolge der Register und mit dem Ziel eines stufenlosen dynamischen Anwachsens des Klanges durch­geführt. Riemann lehrt im Handbuch der Orgel: »Um zuerst von den Manualstimmen zu sprechen, so kann eine schwache Flötenstimme 8′ zuerst durch Hinzufügung von einer, zwei oder drei sanften Flötenstimmen, und zwar ebenfalls zu 8′, allmählich verstärkt werden. Erst dann würde Prinzipal 8′, dann Oktave 4′, dann Bourdon oder Gedackt 16′ hinzutreten. Eine weitere Verstärkung bringt eine Quinte 22/3 (zu Prinzipal 8′ gehörig)  gewalcker@t-online.de

 

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Zur Orgelmusik Olivier Messiaens, Studien zur Orgelmusik Band 2,Teil 1

Dienstag, Oktober 6th, 2009


Zur Orgelmusik Olivier Messiaens – Studien zur Orgelmusik Band 2 – Teil 1

„Ich bin gläubig geboren“ antwortet Olivier Messiaen, und damit entstehen für uns als Hörer die Probleme.

Olivier Messiaens Orgelmusik ist ohne weitere Erläuterung schwer verständlich.  Kaum zugängig für unbedarfte Ohren. Ich rede hier nur als Hörer. Und ein bestimmter Hörer, der zwar Orgelmusik und vor allem Orgelklänge die in Orgelmusik verwandelt werden, geschult ist zu hören, und darin eigentlich sein wichtigstes Hörerlebnis bisher hatte.

Nun aber, nach abermaligen Hören von Olivier Messiaens Orgelmusik, blicke ich gespannt in diese dunkle Ecke der Kirche und bin erstarrt, schweigsam erschüttert,  nach „Livre du Saint Sacrament“ – aber, und das ist hinzuzufügen, geschult durch eine Lektüre, die mir Hör-Richtung gab, nämlich oben besagter Band „Zur Orgelmusik Olivier Messiaens“ Teil 1 – Band 2, also um genau zu sein, es ist nur ein Buch aus den dreien, die ich alle vorzustellen gedenke.

Diese 3 Bände, die im Butz-Verlag im Jahre 2008 erschienen sind und die allesamt mit Beiträgen von Reimund Böhmig, Hermann J.Busch, Michael Heinermann, Burkhard Meischein, Paul Thissen und Lydia Weißgerber bestückt wurden, haben mich tief in die Orgelmusik Olivier Messiaens Einblick nehmen lassen. Für eine Wiederholung der Gedanken sind einige Notizen entstanden, die hier wiedergegeben werden.

Durch diese Vielfalt der Autoren wird  vorneweg ein sehr breites Spektrum an unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Phänomens „Olivier Messiaen“ gewährleistet.

Das Buch ist gut und leicht zu lesen. Weniger gut ist, dass die Verfasser der einzelnen Artikel streckenweise nicht leicht ausfindig zu machen sind – sie stehen nicht immer in der Überschrift. Mit etwas Übung erkennt man sie am Schreibstil.

 

Tradition und Meditation – Messiaens Wege zur Orgel. Burkhard Meischein berichtet vom historischen Weg Messiaens, auch seiner kulturellen Umgebung, leitet ab von Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ um auratisierende Strahlkraft, das das Kunstwerk in seiner Sonderstellung erhält, das entscheidende Wirkungskraft festhält, die das Bewusstsein öffnen lässt für das Transzendente, das Göttliche, für eine andere Welt.

Im September 1931 wurde Messiaen, unterstützt durch Empfehlungen Widors, Duprés, Tournemires und anderer zum Titularorganisten an der Kirche La Tinité ernannt – als 22jähriger ! – dort wo er jeden Sonntag drei Messen spielen sollte.

Es ist heute selten, von Seele zu reden, wir hören meist etwas von „Emotion“, das klingt anglo-wissenschaftlicher und man gibt keine „Religionszugehörigkeit“ preis.

Die Orgelmusik Messiaens gründet auf dem christlichen Glauben, und hier ist es Tradition, dass die Seele des Menschen weniger durch Verstandestätigkeit geformt und gebildet wird, als durch eine Art ganzheitlicher Seelenbildung, in der auch die Kunst elementaren Stellungswert bekommt.

Die Seele beurteilt moralisch, ethisch, religiöse Fragen aus dem seelischen Inneren heraus, hier hat die Kunst einen besonderen Platz.

In diesem Sinne ist jedes Kunstwerk sakral.

Auch der Gesang der Vögel kann religiös erfahren werden.

Méditations sur le mystére dee la Ainte Trinité: Schweigen, Entspannung, inneres Lauschen. Es gilt sich von der Welt, ihrem Druck und der von ihr ausgehenden Ablenkung zu befreien und sich in die Tiefe der Wahrheit zu versenken, spüren, was über das bloße Menschsein hinausgeht.

Messiaens Musik weist in diesem Sinne immer über sich hinaus.

 

Der Komponist als Theologe- zu Messiaens Musikotheologie von Michael Heinemann.

Zitiert eine Äußerung von Charles Tournemire „Alle Musik, die nicht auf der Verherrlichung Gottes basiert, ist unnütz“ – wobei noch der Hinweis erfolgen sollte: „aber Gott ist keine einfache Sache“. Vielleicht die wichtigste Voraussetzung für das Verständnis des geistigen Habitus von Olivier Messiaen ist die Kenntnis der Schriften von Ernest Hello (1828-1885) – eines Autors, der , nicht unbeeinflusst von Sören Kierkegaard ist.

Hierzu erfolgt ein wegweisendes Zitat aus Hello, Mensch und Mysterium:“Die Kunst ist der Ausdruck der Idee durch ein wahrnehmbares Zeichen. Sie findet  aber ihren Ausdruck nur unter einer Bedingung, und diese ist die Bedingung der Liebe. Die Liebe ist das Leben der Kunst. Beinahe sind wir bei Albert Schweitzer gelandet.

Die Liebe ist eine reife, fallende Frucht. Aber was wollt ihr lieben, wenn ihr an nichts glaubt?

Das Mysterium entspricht einem der tiefsten Bedürfnisse der Natur des Menschen, dem Bedürfnis nach Anbetung. Der Mensch betet nicht an, was er völlig begreift.

Hellos Schriften scheinen Messiaens die Grundlagen seiner katholischen Ästhetik geliefert zu haben.

Weitere Schriften Romano Guardinis (Von heiligen Zeichen), Kempen (Nachfolge Christi), Balthasar (Herrlichkeit), Marmion (Christus, das Leben der Seele) werden genannt.

 

Vom Reiz der Unmöglichkeiten – Anmerkungen zu den Modi Messiaens, Beitrag von Lydia Weissgerber – die ich durch die Bank weg unverstanden hier stehen lassen muss und mich gleich zu den Werken weiter begebe.

 

La Banquet céleste – Das himmlische Gastmahl (Messiaens erstes, 1928 im Druck erschienenes Orgelwerk. ein sehr reizende, zartes, sanftes und frühlinghaftes Stück.. OM)

Apparation de lÈglise éternelle – Die Erscheinung der ewigen Kirche

Prélude – Präludium (wurde erst 1997 im Nachlass gefunden)

Offrande au Saint Sacrament (Weihegabe für das Heilige Sakrament)

Diptyque – (Diptychon) gilt als schwarzes Schaf unter den Orgelwerken Messiaens; als klassizistisch, gar rückwärtsgewandt und konventionell, gleichzeitig aber gilt es als am häufigsten gespielt. Entstanden vermutlich 1929

L’Ascension – (Die Himmelfahrt)

La Nativité du Seigneur – (Die Geburt des Herrn)

Les Corps glorieux – (Die verherrlichten Leiber)

 

Materialien:

Die Orgeln des jungen Messiaen (Busch)

Zur Frage der Registrierung Messiaenscher Orgelwerke (Böhmig)

Die Einführungstexte Messiaens

Französisch-deutsches Glossar

Programmzettel von 1935/36

 

gwm